Auf dem Weg
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Taxi on 7th Avenue es Square, New York City

Taxifahrer in New York erleben so einiges in der Stadt, die – so heißt es – niemals schläft und deren Bewohner sich gerne von den gelben Autos von A nach B kutschieren lassen. Doch eines Tages wird dieser Taxifahrer zu einer besonderen Adresse gerufen.  Was er dort erlebt, hat ihn so sehr berührt, dass er es nun mit der ganzen Welt teilen muss:

„Ich wurde zu einer Adresse bestellt. Wie gewöhnlich hupte ich, als ich ankam, doch kein Fahrgast erschien. Ich hupte erneut – aber wieder nichts. Ich wurde unruhig, denn das war meine letzte Fahrt und ich war nah dran, wegzufahren, entschied mich jedoch dagegen. Als ich an der Haustür klingelte, hörte ich eine alte gebrechliche Stimme sagen: ‚Bitte, einen Augenblick noch!‘

Es verging eine Weile, bis sich endlich die Tür öffnete. Vor mir stand eine kleine, alte Dame, bestimmt 90 Jahre alt. In ihrer Hand hielt sie einen kleinen Koffer. Da die Tür offen war, konnte ich nun auch in die Wohnung blinzeln. Sie sah aus, als habe seit Jahren niemand mehr hier gelebt. Alle Möbel waren mit Tüchern abgedeckt, die Wände völlig kahl, keine Uhren, keine Bilder, nichts. Nur in der Ecke sah ich etwas: einen Karton voller Fotos und Erinnerungsstücke.

Fotoschatulle
© Pixabay

‚Bitte, junger Mann, tragen Sie mir meinen Koffer zum Wagen?‘, fragte sie. Ich nahm ihren Koffer und brachte ihn in den Kofferraum. Dann ging ich zurück und hielt der Dame meinen Arm hin und wir gingen langsam gemeinsam zum Auto. Sie bedankte sich für meine Hilfsbereitschaft. ‚Ist nicht der Rede wert‘, sagte ich zu ihr. ‚Ich behandle jeden Gast so, wie ich meine Mutter behandeln würde.‘ – ‚Oh, sie sind aber lieb‘, sagte sie. Als die Dame in meinem Taxi Platz nahm, gab sie mir die Zieladresse und bat mich, nicht durch die Innenstadt zu fahren. ‚Nun, das ist aber nicht der kürzeste Weg, eigentlich sogar ein erheblicher Umweg‘, gab ich zu bedenken. ‚Oh, da habe ich nichts dagegen. Ich bin nicht in Eile‘, sagte sie und fuhr fort: ‚Ich bin auf dem Weg in ein Hospiz‘.

Ein Hospiz, schoss es mir durch den Kopf. Da fahren Menschen hin, um zu sterben. ‚Ich hinterlasse keine Familie‘, sagte sie leise. ‚Der Arzt sagt, ich habe nicht mehr viel Zeit.‘ Ich schaltete den Taxameter aus. ‚Welchen Weg soll ich nehmen?‘, fragte ich. Für die nächsten zwei Stunden fuhren wir einfach durch die Stadt. Sie zeigte mir das Hotel, in dem sie einmal an der Rezeption gearbeitet hatte. Wir fuhren zu den unterschiedlichsten Orten. Sie zeigte mir das Haus, in dem sie und ihr verstorbener Mann gelebt hatten, als sie noch ‚ein junges, wildes Paar‘ waren. Dann den Ort, an dem sie immer tanzen war, als sie noch ein junges Mädchen war.

In manchen Straßen sollte ich besonders langsam fahren. Sie sagte dann nichts und schaute nur nach draußen, wie ein neugieriges Kind. Wir waren die ganze Nacht durchgefahren. ‚Ich bin müde‘, sagte die alte Dame plötzlich. ‚Jetzt können wir an mein Ziel fahren.‘ Schweigend fuhren wir zur genannten Adresse. Das Hospiz war kleiner, als ich es mir vorgestellt hatte. Zwei Krankenschwestern kamen heraus, als ich in der Einfahrt hielt. Sie setzten sie in einen Rollstuhl und ich trug den Koffer zur Tür. ‚Wie viel bekommen sie für die Fahrt?‘, fragte sie, während sie in ihrer Handtasche wühlte.

‚Nichts‘, sagte ich. ‚Sie müssen doch ihren Lebensunterhalt verdienen‘, entgegnete sie. ‚Es gibt noch andere Passagiere‘, erwiderte ich mit einem Lächeln. Ohne lange darüber nachzudenken, umarmte ich sie. Sie hielt mich ganz fest an sich gedrückt. ‚Sie haben einer alten Frau auf ihrer letzten Metern noch ein klein wenig Freude und Glück geschenkt. Danke‘, sagte sie mit glasigen Augen. Ich drückte ihre Hand zum Abschied und ging.

Portrait of elderly woman

 

Obwohl meine nächste Schicht schon angefangen hatte, fuhr ich nur ziellos durch die Stadt. Ich wollte niemanden sehen oder sprechen. Was wäre, wenn ich die Fahrt nicht angenommen hätte? Was wäre, wenn ich nach dem ersten Hupen weggefahren wäre?

Wenn ich an diese Fahrt zurückdenke, glaube ich, noch nie etwas so Wichtiges in meinem Leben getan zu haben. In unserem hektischen Leben legen wir immer besonders viel Wert auf die großen, bombastischen Momente. Größer, schneller, höher, weiter. Dabei sind es doch die kleinen Momente, die kleinen Gesten, die im Leben wirklich zählen. Dafür sollten wir uns Zeit nehmen. Wir sollten Geduld haben und nicht sofort hupen, dann sehen wir, was wirklich zählt.“

Eine rührend schöne Anekdote über das, was das Leben wirklich lebenswert macht und die Menschen einmal innehalten lässt.

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