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Brief eines todkranken Freundes
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Brief eines todkranken Freundes

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© Lorado

Geliebter Freund,

es geht um mein Leben.

Mein Leben. Dieses Leben mit dem ich so achtlos umgegangen bin. Dieses Leben, dass ich mit vielen Menschen teilte, die mir gar nicht wichtig, sondern nur nützlich waren. Dieses Leben, in dem ich meine Träume immer auf einen späteren Zeitpunkt verschob. Dieses Leben, in dem ich mich bemühte jedem zu gefallen. Dieses Leben, in dem ich zu viel geraucht, getrunken, geschuftet habe. Dieses Leben, in dem ich nach Geld und Anerkennung strebte. Dieses Leben, in dem ich andere zu meinem Vorteil ausnutzte, benutzte, verletzte. Dieses Leben.

Dieses eine, mein, Leben!

Ich hatte ein sensationelles Leben. Ein Leben voller Abwechslung. Ein Leben voller Herausforderungen. Ein Leben voller Einfluss. Ein Leben voller Ruhm und Reichtum. Ein Leben auf der Überholspur.

Und jetzt, jetzt hat mein Leben mich.

Jetzt besteht mein Leben aus vielen Hürden, aus Schmerz, aus niederschmetternden Diagnosen, aus gescheiterten Behandlungen und aus immer neuen Hoffnungen. Aber es ist immer noch mein Leben. Dieses eine, mein, Leben!

Mein Leben ist wertvoll. Ich ehre jetzt jede Minute, jede Stunde, jeden Tag. Vielleicht, wenn ich Glück habe, auch noch jeden Monat und jedes Jahr.

Ich empfinde Angst, Schmerz, Verzweiflung, tiefe Einsamkeit und gleichzeitig unendliches Glück und große Dankbarkeit für die schönen Momente. Soweit habe ich mich zurückgekämpft, in mein, eines Leben. Alles was jetzt kommt ist ein großes Geschenk. Es wird nicht lange so gut sein. Es werden wieder andere Zeiten kommen, mit mehr Einschränkungen, umso mehr schätze ich das Jetzt. Das konnte ich noch nie. Du weißt, es musste immer schneller, höher, weiter gehen. Es ist jetzt nicht alles gut, aber es ist das, was ich habe. Es ist mein, eines, Leben.

Für mich ist das Wichtigste jetzt Zeit. Zeit, für mich. Zeit für Menschen die mir wirklich wichtig sind. Zeit von anderen, denen ich wichtig bin. Ich möchte authentisch sein dürfen. Meine Angst vor dem Tod formulieren. Wütend sein, dass es mich getroffen hat. Das mein, eines, Leben zu Ende geht. Das meine Pläne keine Zeit mehr haben. Verzweifelt sein, dass ich nicht vorher wusste, wie kostbar meine Zeit, Deine Zeit, ist. Ich möchte um mich selbst trauern dürfen. Gleichzeitig möchte ich jede Minute genießen, lachen, – mein, eines, Leben lieben.

Ich vermisse schon jetzt alles, was ich verpassen werde und verpasst habe.

Dich!

Seit fast dreißig Jahren begleitest Du mein und ich Dein Leben. Ich habe verpasst es mit Dir zu teilen. Ich habe verpasst einfach mal mit Dir Musik zu hören und dabei einen guten Rotwein zu genießen. Ich habe verpasst mit Dir ehrlich über meine und Deine Gefühle zu sprechen. Ich habe verpasst, Dir ein ebenso guter Freund zu sein, wie Du mir.

Könnte ich mein, eines, Leben nochmal leben würde ich einiges anders machen. Ich würde die Kleinigkeiten des Lebens schätzen. Ich würde die Liebe anderer nicht ausnutzen. Freundschaften wären mir wichtiger als Nützlichkeitsbeziehungen. Mir wäre es egal, was andere über mich denken. Ich würde mir treu bleiben. Ich würde Zufriedenheit höher bewerten als Geld und Einfluss.

Das habe ich gelernt. Aus meinem, einem, Leben. – Ich war ein echtes Arschloch!

Danke, dass Du trotzdem immer für mich da warst und noch bist.

 

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