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Die bedrohte Ressource: die Muße!
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Die bedrohte Ressource: die Muße!

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Muße, die aussterbende Ressource
© Halfpoint by istock photo

Muße ist der schönste Besitz von allen.

Ach, Sokrates. Recht hast du. Dieses kleine Bonmot des griechischen Philosophen dürfen wir zu jeder Zeit und immer immer wieder auf uns wirken lassen. …

Doch was ist Muße?

Ein Leben im Zeichen der Muße und der dichterischen sowie wissenschaftlichen Schöpfungskraft. Goethe, könnte man behaupten, hat es vorgemacht. Sie steht eben nicht im Namen der Faulheit oder gar der Ziellosigkeit. Ein Schlagwort unserer Zeit, wird sie gerne mit der Freizeit verwechselt, also mit der Zeit, die man zwar nicht in der Arbeit verbringt, die aber dennoch durch letztere bedingt ist. Viel wird auch von der Entschleunigung geredet. Man müsse weniger schnell leben, weniger schnell arbeiten. Doch greift das weit genug?

Nur wenn es ausreichend Muße gibt, gibt es die Möglichkeit, etwas so ‚Nutzloses‘ zu tun wie zu philosophieren. Aristoteles hat das in der „Nikomachischen Ethik“, vor allem im zehnten und letzten Buch, beschrieben.

Poet bei der Arbeit

Muße heißt im Deutschen zunächst einmal so etwas wie „Freiraum“ oder „Spielraum„. Das ist deshalb interessant, weil deutlich wird, dass sie erst einmal die Möglichkeit oder Gelegenheit ist, etwas zu tun, und keine konkrete Tätigkeit. Nur deshalb stellt sich überhaupt das Problem, was man mit seiner Muße anfangen sollte. Da sind dann Unterscheidungen wie die von Muße und Müßiggang relevant: Es gibt eine ‚gute‘ Nutzung von Muße und eine ’schlechte‘, den Müßiggang. Es ist sehr interessant zu sehen, wie Muße in unterschiedlichen Diskursen und zu unterschiedlichen Zeiten jeweils bewertet wird.

Wenn er sich zum Mittagsschlaf zurückzog, hängte der französische Dichter Saint-Pol-Roux an seine Tür das Schild: »Poet bei der Arbeit«. Denn er wusste: Müßiggang ist aller Ideen Anfang. Wirklich schöpferische Einfälle kommen einem am ehesten dann, wenn man sie nicht zu erzwingen versucht. Beispielsweise unter der Dusche.

Ob unter Managern oder Politikern, Selbstständigen, Angestellten oder Müttern – überall breitet sich das Gefühl aus, permanent unter Druck zu stehen, ständig an Quartalsbilanzen, Umfragewerten oder Produktionssteigerungen gemessen zu werden und sich keine Atempause gönnen zu dürfen.

Die bedrohte Ressource: die Muße

Zeiten der Muße sind unter solchen Bedingungen zur bedrohten Ressource geworden. Und dieser Mangel durchzieht alle Lebensbereiche. Denn wir leben, wie der Soziologe Hartmut Rosa diagnostiziert, in einer »Beschleunigungsgesellschaft«, in der das Gefühl des Gehetztseins zum Dauerzustand geworden ist. Was wir dabei schmerzlich vermissen, sind nicht so sehr die Zeiten des erschöpften Abhängens, sondern vielmehr jene mußevollen Stunden, in denen wir Herr über unsere Zeit sind.

Wir alle brauchen immer wieder Auszeiten vom permanenten Getriebensein; sonst leiden nicht nur Fantasie und Kreativität, sondern auch unsere sozialen Beziehungen und letztlich unsere Gesundheit.

Warum fällt es uns dennoch so schwer, das Hamsterrad der Geschäftigkeit öfter mal anzuhalten? Warum haben wir verlernt, die »Muße zu pflegen«, wie das in früheren, langsameren Zeiten einmal hieß? Und warum verpuffen die guten Vorsätze, die wir uns etwa zum neuen Jahr machen, im Alltag immer wieder so schnell?

Woher soll also die Muße kommen, die Ruhe, die Freiheit und damit der Flow Neues zu denken, sich genüsslich vertiefen zu können?

Die Hürden der Muße

Wer die Kunst des Müßiggangs erlernen will, tut gut daran, sich zunächst einmal mit all jenen Mechanismen auseinanderzusetzen, die ihr entgegenstehen. Die Hürden, auf die man bei dieser Selbsterforschung immer wieder stößt.

Wer Muße nur als Zeit der Wellness und Fitness versteht, unterwirft sie prompt wieder jenem Nützlichkeitsdenken, das bereits unseren gesamten Arbeitsalltag regiert. Muße wäre dann nichts anderes als eine funktionelle Methode, um die Schaffenskraft wiederherzustellen. Dabei hatte dieser Begriff ursprünglich eine ganz andere Bedeutung: Das »Fernsein von Geschäften oder Abhaltungen«, wie Grimms Wörterbuch die Muße definiert, galt einst als edelste Haltung des Menschen; in solchen Zeiten kam man zu sich selbst, philosophierte vielleicht, genoss die Natur oder bildete sich weiter (freilich nicht im Sinne der modernen Credit Points). Vor allem unterlag die Muße keiner Verwertungslogik; man fragte nicht, was etwa das Philosophieren am Ende »bringe«, der Müßiggang war sich selbst genug, ein Lebenswert an sich.

Das Gehirn liebt Nichtstun

Was geradezu nach verschwenderischem Luxus klingt, betrachten Hirnforscher mittlerweile als Zustand, den wir zur Regeneration dringend benötigen. Wie neurobiologische Experimente zeigen, braucht unser Gehirn offenbar immer wieder Zeiten des Nichtstuns – nicht etwa zum Ausruhen, sondern um sich gesund sortieren zu können; ein gewisser Leerlauf im Kopf ist für unsere geistige Stabilität geradezu unabdingbar.

Ihn zuzulassen fällt uns heute jedoch zunehmend schwer. Das Nichtstun, der nicht zweckorientierte Müßiggang, gilt als unproduktiv und öde.

Letztlich hat die Kunst der Muße nichts mit der Zahl der freien Stunden zu tun, sondern mit einer Haltung. »Muße«, so drückt es die österreichische Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny aus, »ist die Intensität des Augenblicks, der sich zeitlich zu Stunden oder Tagen ausdehnen kann, um sich auf ein Einziges zu konzentrieren: Eigenzeit.« Diese »Eigenzeit« kann vieles sein – ein intensives Gespräch ebenso wie Musikgenuss oder ein spannendes Arbeitsprojekt, sie kann spielerisch oder ernsthaft sein, zielorientiert oder suchend, aber sie wird immer charakterisiert durch eine Eigenschaft, sagt Nowotny.

Muße ist die Übereinstimmung zwischen mir und dem, worauf es in meinem Leben ankommt.

Wer das versteht, kann erleben, dass sich die Muße unvermutet von hinten anschleicht und uns plötzlich überrascht, wenn wir sie gar nicht suchen. Zum Beispiel beim Lesen eines Muße-Artikels – jetzt, in diesem Moment. Und: Einfach mal Muße-Stunden im Kalender einplanen!

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von Simone Debour

 

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