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Adventstürchen Nr. 23 – Die Pullovergans

Adventstürchen Nr. 23 – Die Pullovergans

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Adventstürchen Nr. 23
© avid_creative by istock photo

 

In einem Vorort von Wien, es hätte auch in der Neustadt oder anderswo gewesen sein können, lebten in der hungrigen Zeit nach dem Krieg zwei nette alte Damen. Damals war es noch schwer, sich für Weihnachten einen wirklichen Festbraten zu verschaffen. Und nun hatte die eine der Damen die Möglichkeit auf dem Lande, gegen allerlei Textilien, eine wohl noch magere, aber springlebendige Gans einzuhandeln.

In einem Korb verpackt brachte Fräulein Agathe das Tier nach Hause. Und sofort begannen Agathe und ihre Schwester Emily das Tier zu füttern und zu pflegen. Die beiden Damen wohnten in einem Mietshaus im zweiten Stock und niemand im Haus wußte oder ahnte, dass in einem der Wohnräume der Schwestern ein Federvieh hauste, das verwöhnt, gefüttert und groß gezogen wurde.

Agathe und Emily beschlossen feierlich, keinem einzigen Menschen davon zu erzählen. Und dies aus zweierlei Gründen. Erstens gab es Neider, das sind Leute, die sich keine Gans leisten können und zweitens wollten die Damen nicht um alles in der Welt mit irgendeinem der Verwandten die später nudelfett gewordene und dann gebratene Gans teilen. Deshalb empfingen die beiden Damen auch sechs Wochen lang – bis Weihnachten – keinen Besuch. Sie lebten nur für die Gans.

Und so kam der Morgen des 23. Dezember heran. Es war ein strahlender Wintertag, die ahnungslose Gans stolzierte zutraulich und vergnügt von der Küche aus ihrem Körbchen in das Schlafzimmer der beiden Schwestern und begrüßte sie zärtlich schnatternd. Die beiden Damen vermieden es, die Gans anzusehen. Nicht weil sie böse auf sie waren, sondern nur, weil eben keine von ihnen die Gans schlachten wollte.

Die Pullovergans

„Du mußt es tun!“, sagte Agathe, sprach’s, stieg aus dem Bett, zog sich rasend schnell an, nahm die Einkaufstasche, überhörte den stürmischen Protest ihrer Schwester und verließ in großer Eile die Wohnung. Was sollte Emily tun? Sie murrte vor sich hin, dachte darüber nach, ob sie vielleicht einen Nachbarn bitten sollte, der Gans den Garaus zu machen, aber dann hätte man einen großen Teil von dem gebratenen Vogel abgeben müssen, also schritt Emily zur Tat, nicht ohne dabei wild zu schluchzen.

Als Agathe nach geraumer Zeit wiederkehrte, lag die Gans auf dem Küchentisch, ihr langer Hals hing wehmütig pendelnd herunter. Blut war keines zu sehen, aber dafür alsbald zwei liebe alte Damen, die sich weinend umschlungen hielten. Wie, wie …“, schluchzte Agathe, „wie hast Du es gemacht?“ „Mit dem Veronal“, wimmerte Emily. „Ich habe ihr einige Deiner Schlaftabletten auf einmal gegeben, jetzt ist sie tot.“ Schluchzend fuhr sie fort: „Huh … rupfen mußt Du sie – huhuhu …“ So ging das Weinen und Schluchzen in einem fort.

In der Küche stand das leere Körbchen, keine Gans, kein schnatterndes „Guten Morgen“ mehr. So saßen die beiden eng umschlungen auf dem Sofa und schluchzten trostlos. Endlich raffte sich Agathe auf und begann, den noch warmen Vogel zu rupfen. Federchen um Federchen schwebte in einen Papiersack, den die unentwegt weinende Emily hielt. Und dann sagte Agathe: „Emily, Du nimmst die Gans aus“ und verschwand blitzartig im Wohnzimmer, warf sich auf das Sofa und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Emily eilte der Schwester nach und erklärte, es einfach nicht tun zu können. Man beschloss, nachdem es mittlerweile spät geworden war, das Ausnehmen der Gans auf den nächsten Tag zu verschieben.

Am zeitigen Morgen wurden Agathe und Emily geweckt. Mit einem Ruck setzten sich die beiden Damen gleichzeitig im Bett auf und stierten mit aufgerissenen Augen und offenem Mund auf die Küchentür. Herein spazierte, zärtlich schnatternd, wie all die Wochen zuvor, wenn auch zitternd und frierend, die gerupfte Gans.

Es ist wirklich wahr und kommt noch besser.

Als ich am Weihnachtsabend zu den beiden Damen kam, um ihnen noch rasch zwei Päckchen zu bringen, kam mir ein vergnügt schnatterndes Tier entgegen, das ich nur wegen des Kopfes als Gans erkennen konnte, denn das ganze Vieh steckte in einem liebevoll gestrickten Pullover, den die beiden Damen in hastiger Eile für ihren Liebling gefertigt hatten.

Es wurde das schönste und glücklichste Weihnachtsfest, ohne Festtagsbraten! Dafür zu dritt. Die beiden älteren Damen und ihre Gans. Die Pullovergans lebte noch weitere sieben Jahre und starb dann eines natürlichen Todes.

Tagesfrage: Wem könntest Du eine immaterielle Freude zu Weihnachten bereiten?

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