„Du verstehst mich einfach nicht!“

„Du verstehst mich einfach nicht!“

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“Wieso versteht sie mich immer falsch?” oder “Merkt er nicht, was ich meine?” –Solche Stoßgebete fahren gen Himmel, wenn Frau und Mann verbal aneinander geraten. Dass in der Mann-Frau-Konversation oft einiges schief läuft, scheint in unserem Alltag fest verankert. Der Querdenker Loriot, der in vielen Sketchen die Kommunikationsprobleme zwischen Mann und Frau auf den Punkt gebracht hat, gibt eine scheinbar einfache, aber fatale Antwort darauf: “Männer und Frauen passen einfach nicht zueinander!” Ist das aber der Weisheit letzter Schluss? Sprechen Frauen und Männer unterschiedliche Sprachen und daher immer aneinander vorbei? Wo liegen die Ursachen für diese Kommunikationsprobleme?

Klischee 1: Frauen sind Quasselstrippen…

Klatschtante, Quasselstrippe, Tratschweib… Bezeichnungen wie diese belegen, dass Frauen gerne als das redselige und geschwätzige Geschlecht angesehen werden. Nicht umsonst gilt der Kaffeeklatsch als Prototyp weiblicher Kommunikation. Frauen unter sich neigen diesem Klischee nach dazu, bei Kaffee und Sahnetorte über dies und das, über den und die herzuziehen… Stimmt das?

Sprachforscher beschreiben die weibliche Sprache als sehr persönliche Sprache, die Bindung, menschliche Nähe und die Akzeptanz des Gesprächspartners sucht. So lassen Frauen im Gespräch oft eigene Erlebnisse oder Erfahrungen einfließen, um so die Fremdheit und Distanz zum Gesprächspartner zu überwinden. Das führt dazu, dass der weibliche Sprachstil als offener, kommunikationsfördernder, mit mehr Rücksicht auf den Gesprächspartner, aber auch als tendenziös unpräzise und unüberlegter gilt. Verniedlichungen wie “das ist ja süß” gehören zum Beispiel genau so zur weiblichen Sprache wie so genannte “Unschärfemarker” wie “…oder so” und “…weißt du?”, die den direkten Kontakt mit dem Gesprächspartner verstärken.

Klischee 2: Ein Mann, ein Wort

Von Mann zu Mann: Hier geht es nur um Fakten.

Umschreibungen wie diese für den Sprachstil von Männern fallen eher knapp aus. Der Mann an sich ist ein Kommunikationsmuffel, könnte man meinen. Ein Kaffeeklatsch unter Männern? Unvorstellbar. Männer treffen sich nicht, um zu quatschen, sondern um Fakten auszutauschen oder zum Fachsimpeln.

Im männlichen Gespräch geht es primär um die Weitergabe von Informationen. Berufliche Strategien, Anlagetipps, Fußball sind beliebte Themen. Meistens bleiben die Gespräche auf der Sachebene. Eine emotionale Basis zwischen den Gesprächspartnern aufzubauen, ist von geringerem Interesse. Der persönliche Status steht im Vordergrund, es geht darum, sich im Gespräch zu profilieren und Machtpositionen zu festigen bzw. auszubauen. Daher wird der männliche Sprachstil eher als aggressiv-dominant, kurz, präzise, ohne Rücksicht auf den Gesprächspartner beschrieben. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen belegen zudem, dass Männer, zum Beispiel in Talkshows, weitaus häufiger ihre Gesprächspartner unterbrechen als Frauen.

Was ist ein “Genderlekt”?

Natürlich handelt es sich bei solchen Beschreibungen um eher stereotype Sichtweisen. Dennoch hat sich z.B. die geschlechtsorientierte Gesprächsanalyse dem Ziel verschrieben, die Ursachen für diese unterschiedlichen Gesprächsstile in kultureller Hinsicht zu suchen. Die Soziolinguistin Deborah Tannen spricht in diesem Zusammenhang vom Mann-Frau-Gespräch als interkulturelle Kommunikation. Sie vergleicht das Mann-Frau-Gespräch mit der Unterhaltung zwischen Menschen mit verschiedenen Kulturen. In Anlehnung an regional bedingte mundartliche Sprachunterschiede, Dialekte, hat die moderne Sprachwissenschaft den Begriff der “Genderlekte” als Ausdruck für geschlechtsspezifische Sprache geprägt.

Neuere Erkenntnisse der Gehirnforschung werden in dieser Forschungsrichtung ebenso berücksichtigt wie soziologische Aspekte. Neurologen haben nämlich herausgefunden, dass Männer überwiegend die linke (eher analytische) Gehirnhälfte aktivieren, wenn sie sprechen, Frauen hingegen aber beide Gehirnhälften. Das heißt, dass Frauen sowohl die eher analytische linke als auch die emotionalere rechte Gehirnhälfte beim Sprechen nutzen. Das führt zu einem emotional geprägten weiblichen Sprachstil.

Hat man uns den Sprachstil mit in die Wiege gelegt?

Vorgaben und Erwartungen der Gesellschaft prägen bereits im Kindesalter unseren Sprachstil.

Neben diesen neurologischen Ansätzen kann man den Unterschied zwischen Männer- und Frauensprache auch soziokulturell begründen. Danach liegt der Ursprung der verschiedenen Sprachstile in der Erziehung, aber auch in der gesellschaftlichen Erwartungshaltung an Frauen und Männer begründet. Trotz Emanzipation und Frauenbewegung sind ältere Erziehungsmuster auch heute noch von Gültigkeit: Ein Junge hat sich durchzusetzen, keine Gefühle zu zeigen und stark zu sein. Ein Mädchen hingegen wird belohnt wenn es lieb, nett und um Harmonie bemüht ist. Diese Weltbilder spiegeln sich auch im Sprachgebrauch der Geschlechter wieder. Bereits in der frühen Kindheit entwickeln sich die Sprachwelten von Männern und Frauen in unterschiedliche Richtungen. Im Kindergarten sind sie bereits voll ausgeprägt.

Kompliziert wird es, wenn man in Rechnung stellt, dass jeder Mensch sowohl weibliche als auch männliche Sprachstile beherrscht und gezielt einsetzt. Je nach Situation pflegen Frauen auch einen männlichen Sprachstil (z.B. im Berufsleben), genauso wie Männer einen weiblichen Sprachstil verwenden, wenn es um persönliche Gesprächsinhalte geht. Und nicht vergessen: Es sind viele Faktoren, die das Kommunikationsverhalten beeinflussen – das eigene Geschlecht ist nur einer von vielen. Den wichtigsten Aspekt, den man bei einem Gespräch beachten sollte, ist vielleicht der, den Goethe schon betonte: “Keiner versteht den anderen ganz, weil keiner bei demselben Wort genau dasselbe denkt wie der andere.”

Wollen wir Schwesterschaft trinken?

Die Ursprünge des Gedankens, dass es geschlechterspezifische Sprachen geben könnte, liegen in der anthropologisch-ethnischen Forschung Anfang des 20. Jahrhunderts. In den Jahrhunderte lang von Männern dominierten Gesellschaften nahmen Frauen weniger am öffentlichen Leben teil und waren somit in der öffentlichen Sprache kaum präsent. Durch die Frauenbewegung der siebziger Jahre geriet diese Thematik ins allgemeine Bewusstsein. Deren Forderungen, Sprache geschlechtsneutral zu verwenden, führten bald zu teilweise absurden Sprachgebilden wie “lass uns wieder vertöchtern” oder “Schwesterschaft trinken”. Unvergessen sind auch die Versuche von Teilen der linksautonom-emanzipatorischen Presse, dem unpersonalen “man” eine “frau” an die Seite zu stellen. Auch wenn sich eine solche Sprachform bis heute nicht hat durchsetzen können, waren die Einflüsse der Frauenbewegung sicherlich ein wichtiger Anstoß für die geschlechtsspezifische Sprachforschung.

“Komplimente helfen mir im Moment überhaupt nicht”

Loriot und Evelyn Hamann beweisen es: Nicht immer funktioniert die Kommunikation zwischen Mann und Frau.

Loriot führt uns in vielen seiner Sketche vor, welch absurde Kommunikationssituationen sich ergeben können, wenn Mann und Frau aneinander vorbei reden. Hier ein Beispiel aus seinem Sketch “Garderobe”, in dem eine Frau ihren Mann um Hilfe bei der Auswahl einer geeigneten Abendrobe bittet:

M: “Ich finde, du siehst toll aus in dem, was du anhast.”

F: “Komplimente helfen mir im Moment überhaupt nicht.”

M: “Gut, dann zieh das lange blaue mit den Schößchen an.”

F: “Du findest also gar nicht so toll, was ich anhabe!”

M: “Doch, aber es gefällt dir ja scheinbar nicht.”

F: “Es gefällt mir nicht? Es ist das schönste, was ich habe.”

M: “Dann behalt es doch an.”

F: “Eben hast du gesagt, ich soll das lange blaue mit den Schößchen anziehen.”

M: “Du kannst das blaue mit den Schößchen anziehen oder das grüne mit dem spitzen Ausschnitt oder das, was du anhast.”

F: “Aha, es ist dir also völlig Wurst, was ich anhabe.”

(Quelle: Loriot: Szenen einer Ehe in Wort und Bild. Diogenes, Zürich, 1989.)

Buch-Tipps

Online bestellen: Deborah Tannen: Du kannst mich einfach nicht verstehen. Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden.

 

 

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