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Einen Monat keinen Alkohol – Warum wir das alle mal machen sollten
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Einen Monat keinen Alkohol – Warum wir das alle mal machen sollten

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© George Marks by istock photo

von Gereon von Ehrenfeld

Vorweg: Mir ist vollkommen klar, dass mein alkoholfreier Monat keine Heldentat darstellt. Mir ist auch klar, dass es genug Menschen gibt, die so wenig Alkohol trinken, dass es ihnen gar nicht in den Sinn käme, “31 Tage ohne” als besonders zu markieren. Und dennoch. Es ist etwas Besonderes. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der sogenannte “Dry January” in unzähligen Social Media-Foren und Magazin-Artikeln besprochen wurde. Dass es genug Menschen gibt, die sich diesem Monat angeschlossen haben. Und das es genug Menschen gibt, die mir während dieses Monats den Vogel gezeigt haben.

Ich sehe mich selbst nicht als harten Trinker. Und ich glaube, dass könnte man auch objektiv gesehen nicht über mich behaupten. Doch wenig Alkohol, muss ich gestehen, trinke ich auch nicht. Es bleibt selten bei einmal pro Woche. Manchmal ist es einfach ein Feierabend-Bier, das ich mir gönne. “Zum Runterkommen”. Der Wein mit einer Freundin beim Italiener. Der Sekt im Theater. Der Cocktail am Wochenende. Oder zwei oder drei. Soweit, so normal.

Klar ist aber auch: Wieviel wir wirklich trinken, merken wir oft erst, wenn wir es nicht mehr tun.

Denn unabhängig von den gesundheitlichen Vorteilen, ist der “Dry January” vor allem ein spannendes soziales Experiment. Wir lernen dabei viel über uns, unsere Mitmenschen und die Mechanismen, wie wir miteinander umgehen.

In den meisten sozialen Kontexten, die nach Feierabend stattfinden, gehört Alkohol “einfach dazu”.

Ob es die Verabschiedung einer Kollegin oder eines Kollegen ist, die Essenseinladung, die Party, eine Lesung, ein Treffen, ein Date. Alkohol ist immer dabei. Wir trinken, weil’s schmeckt. Wir trinken aber auch, weil Alkohol uns locker macht. Deswegen ist er in diesen Zusammenhängen auch so wichtig. Wir fühlen uns weniger unsicher, sind offener, zugewandter und gelöster. Wir lachen lauter, nehmen stärker Körperkontakt auf und trauen uns mehr. Alles Dinge, die schon wichtig sein können, wenn wir (neuen) Menschen begegnen.

Alkohol funktioniert als sozialer Kitt, als Treibstoff.

Muss man gar nicht schlecht finden. Aber was passiert, wenn dieser Treibstoff fehlt?

Ganz ehrlich: Ich habe auf einmal angefangen, mich zu langweilen. Ohne Alkohol kriegt man nämlich deutlich mehr mit. Und merkt, dass man viele Gespräche ohne ein bisschen Watte im Hirn gar nicht lange aushält. Das hat mir zu denken gegeben. Auch, weil ich mich fragen musste, wie interessant ich denn auf andere Menschen wirke. Ich fing an, auf die Uhr zu schauen. Gegen Mitternacht spätestens, konnte ich nicht mehr aufhören zu gähnen. Und wollte nur noch ins Bett. Hätte ich noch vor Wochen mit ein bisschen Wein im Körper, meine Müdigkeit gar nicht gespürt, sondern sie einfach weggetrunken, konnte ich auf einmal meinen Körper hören. Und er sendete mir klare Signale. Ich ging. Und bereute es kein einziges Mal.

Ständig wurde ich angesprochen: Aber warum ich denn nicht trinken würde? Nicht wenigstens ein Gläschen? Ich musste mich rechtfertigen und versichern, dass es im Februar schon wieder lustig mit mir würde. Und fragte mich heimlich, ob ich das Experiment nicht noch länger durchziehen solle.

Denn es macht mir mittlerweile schon fast Spaß. Nicht nur, dass ich mich besser fühle. Ich kann deutlich besser schlafen und ich hatte keinen einzigen verkaterten Tag zu verschmerzen. Ich merke vor allem viel klarer, welche Situationen mir wirklich gut tun. Und welche Gespräche ich mir einfach nur schön trinken müsste. Ich freue mich zwar, wenn ich Freunden dabei zusehen, wie sie gelöster und lustiger werden, aber ich bin auch froh, dass es auf einmal MEINE Entscheidung ist, wann ich gehe. Und wann ich genug habe. Wir wissen es ja alle: Der Alkohol nimmt einem in der Regel solche Entscheidungen ab.

Ich mag Alkohol. So richtig kann ich mir nicht vorstellen, ganz abstinent zu leben. Aber ich hätte mir auch nicht vorstellen können, was dieser Monat mit mir macht. Nämlich mir zu zeigen, was für eine große Rolle Alkohol in unser aller Leben spielt und wie wir unseren Umgang miteinander davon leiten lassen. Ich hätte nicht gedacht, wie souverän ich mich auf einmal fühlen würde. Und das nur, weil ich “nein” zu Rotwein sage.

Ohne diese verordnete Abstinenz hätte ich das nicht gemerkt. Deswegen wünsche ich mir, dass jeder das mal eine zeitlang ausprobiert. Ich bin mir sicher, dass jeder dabei nicht nur etwas über sich selbst und die eigenen Unsicherheiten lernt. Sondern auch über die seiner Mitmenschen. Und wie wir miteinander umgehen. Das kann schon auch etwas erschrecken. Aber ein kleiner Schreck ist nicht schlimm. Denn nüchtern haben wir ihn im Griff. Und das ist ein richtig gutes Gefühl.

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