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Erhitzte Zeit – des Wahnsinns neue Epoche!
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Erhitzte Zeit – des Wahnsinns neue Epoche!

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© Katarzyna Bialasiewicz by istock photo

von Simone Debour

Die guten alten Zeiten – sie sind nicht nur mehr die Romantisierung einer längst vergangenen Zeit, oder die mit den Jahren verklärtere Weltsicht der Älteren im Konflikt mit den nachfolgenden Generationen, – nein, die guten alten Zeiten sind noch im Mai gewesen. Vorletzten Monat. Wir leben in einem Hater-Jahr.

Die Attentate in Nizza, Würzburg und Ansbach, der Amoklauf in München, der Militärputch in der Türkei, die Flüchtlingskrise mit ihren europäisch geschlossenen Grenzen, der Brexit, die Toten in Orlando, der wieder verstärkt aufblühende Rassismus in den USA, VW gegen die Umwelt und der internationale politische Rechtsdruck sind Antworten. Antworten auf drängende globale Fragen. Antworten auf solziale Ungerechtigkeiten. Antworten auf den Klimawandel. Antworten auf marode Bildungssysteme. Antworten auf existentielle, menschliche Angst.

Wir leben in einem Epochenumbruch. Wir werden die gute alte Zeit nicht zurück bekommen. Wir werden auch als kleine begrenzte Nationalstaaten nicht mehr gut in dieser zusammengewachsenen Welt überleben. Der Autor Bernd Ulrich fragte Spitzenpolitiker in der ganzen Welt, ob dies die gefährlichste politische Situation ihres Lebens sei. Sie antworten nach kurzem Zögern alle: JA! Darunter Veteranen, Botschafter, Krisenbewältiger, Unterhändler – Leute eben, die schon einige weltweite Krisen durchgestanden haben.

Wie aber geht man damit um?

1.) Akzeptieren

Wir müssen lernen zu akzeptieren. Zu akzeptieren, dass wir die Welt nicht zurückdrehen können. Akzeptieren, dass jeder einzelne von uns ein wenig Mitschuld an der heutigen Situation trägt. Sei es, dass wir billig einkaufen und Geiz geil finden oder dass wir für € 3,50 in den Urlaub fliegen. Mit unserem Verbraucherverhalten unterstützen wir soziale Ungerechtigkeiten, wie beispielsweise Kinderarbeit, und beuten die natürlichen Ressourcen aus. Mit unserer Stimme an der Wahlurne entscheiden wir mit, ob wir eine neoliberale, entfesselte Finanzwirtschaft oder eine soziale Marktwirtschaft unser Land „regieren“ lassen.

2.) Realisieren

Wir müssen realisieren, dass es zukünftig noch mehr Unruhen verschiedenster Art geben wird. Das wir in Deutschland und in Europa nicht auf einer Insel der Glückseligen leben. Wir müssen lernen zu ertragen. Das ist jetzt unser neuer Alltag.

Gero von Randow schrieb in der ZEIT, dass wir in einer Zeit der Erhitzung leben. Erhitzte Zeiten sind historisch betrachtet schreckliche Zeiten. Sie fanden u.a. 1789 – 1871, 1933 bis 1953, 1989 bis heute statt. In erhitzte Zeiten finden grausame Übergangsphänomene statt. Auch in der Vergangenheit wurde erst der mitmenschliche Ton rauher, die Gewalttaten einzelner nahmen zu, die Bürgerrechte ab.

Was können wir tun?

1.) Selbstbestimmt handeln!

Wir können uns täglich vergewissern, was wir selbst denken und wie wir selbst handeln. Neigen wir zu giftigem Wortwechsel, zu Wutausbrüchen, zu Verallgemeinerungen oder gar zu Gewalt?, – oder haben wir uns soweit im Griff, dass wir trotz unserer Ängste unsere Werte beschützen und respektvoll miteinander umgehen? Wenn wir uns Videos von Pegida- oder AfD-Anhänger ansehen, sollte sich uns der Magen umdrehen, wir sollten gegen solch menschenverachtende, plattitüdenschreiende Massen demonstrieren gehen. Doch die Menschlichkeit schreit nicht, die Menschlichkeit weint still und stumm. Ist das richtig?

2.) Agieren statt reagieren

Wir sollten uns die Ursachen anschauen und statt auf den Wahnsinn um uns herum zu reagieren, selbst anfangen zu agieren. Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass die Welt gerechter wird. Derzeit leben wir in diversen Strukturproblemen. Nach dem kalten Krieg und dem kurzen Moment einer amerikanischen „Supermacht“ gibt es nun eine neue Weltordnung. Wir haben einen globalen Systemkonflikt zwischen autoritären und demokratischen Staaten. Es geht um geopolitische Macht. Um das Überwinden ethnischer, religiöser und historischer Differenzen. Um Erbfeindschaften. Wollen wir dabei passiv zusehen?

3.) Lernen wieder eigenständig zu denken

Wir müssen uns mit Gott, der Welt und dem Kapitalimus auseinandersetzen. Was sind unsere Werte? Und haben wir diese Werte nur, solange es uns gut geht? Sind unsere Werte unsere Identität? Warum sind wir immer auf Kuschelkurs, wenn es um die Auseinandersetzung mit Religionen geht? Haben wir nicht bewusst Staat und Kirche getrennt? Gilt das dann für alle Religionen? Können wir uns nicht auf einen Gott einigen? Kann nicht jeder einfach an seinen Gott glauben? Wie wollen wir zukünftig als Gesellschaft mit dem Glauben an Gott umgehen? Sind Gott und Religion eins? Oder ist der Kapitalismus unser neuer Gott? Und überhaupt – der Kapitalismus! Ist es richtig, dass die Industrienationen für’s Geld andere Länder und Menschen ausbeuten und die Umwelt, unsere wichtigste Ressource, zerstören? Oder ist manchmal vielleicht weniger mehr? Muss die wettende Finanzwirtschaft vielleicht der Realwirtschaft angepasst werden? Sollten Unternehmenslenker nicht haften, wenn sie dem Allgemeinwohl schaden? Egal ob bei Ölpesten oder Bankenunsinn? Warum werden soziale Berufe schlechter bezahlt, als Sachbearbeiter in der freien Wirtschaft? Freuen wir uns nicht alle über eine gut ausgebildete Krankenschwester, wenn es uns schlecht geht? Alles Fragen, über die wir nachdenken sollten, wenn wir den Status quo nachhaltig verbessern wollen. Wir brauchen wieder Werte. Wir brauchen eine Identität – als Einzelner und als Gesamtbevölkerung. Gewalt und Hetze sind keine Lösung! – Das lehrt uns die Geschichte.

4.) Ethik und Moral neu entwickeln

Das auf die „Wahrheit“ gerichtete Denken muss sich eingestehen, dass ein Geist der Gütigkeit in dem Weltgeschehen nicht am Werke ist„, schrieb Albert Schweitzer bereits 1952. Liest man seinen Vortrag „Das Problem der Ethik in der Höherentwicklung des menschlichen Denkens“ 64 Jahre später, ist er tagesaktuell. Die Welt bietet uns das trostlose Schauspiel von Regungen des Willens zum Leben durch Bekämpfung und Vernichtung der anderen. Die Welt ist Grausiges in Herrlichem, Sinnloses in Sinnvollem, Leidvolles in Freudvollem. Die Ethik befindet sich nicht in Harmonie mit unserem Weltgeschehen, sondern in Auflehnung gegen es. Versuchen wir das Weltgeschehen zu begreifen, wie es ist, und daraus Schlüsse auf die Art unseres persönlichen Verhaltens zu ziehen, so sind wir dem Pessimismus ausgeliefert. Doch nicht die Pessimisten verändern die Welt. In der Regel sind es die Realisten und Optimisten.

Die elementare, uns in jedem Augenblick unseres Daseins im Bewusstsein verankerte Tatsache sollte sein:

Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will. Leben erhalten, Leben fördern, Leben auf seinen höchsten Weg bringen.

Das Grundprinzip der Ethik ist also die Ehrfurcht vor dem Leben. Alles was ich einem Lebewesen Gutes erweise, ist genau betrachtet Hilfe, die ich ihm zu Erhaltung und Förderung seines Daseins zuteil werden lasse. Bereichern wir nun die Ehrfurcht vor dem Leben noch mit Liebe, dann verlangt die Verletzung allen Lebens Mitgefühl von uns. Egal ob Mensch oder Tier.

Dementsprechend gibt es keinen Unterschied zwischen höherem und niederem, wertvollerem und weniger wertvollerem Leben. Denn wer von uns weiß, was ein anderes Lebewesen in sich und in dem Weltganzen für eine Bedeutung hat.

 Frieden entsteht auch durch soziale Gerechtigkeit

Kein einzelner Mensch hat eine allumfassende Lösung für die derzeitigen Probleme, dafür sind sie zu komplex. Wahrscheinlich können wir, mal wieder, nur bei uns selbst anfangen. Deswegen wünsche ich mir, dass wir Hass in selbstbewusster Güte gegenübertreten; dass wir mit Schwächeren teilen; dass wir brutalen Wahnsinn in Liebe baden; dass wir nachdenken und besonnen handeln; dass wir einer erhitzten Welt gewaltlos die Ehrfurcht vorm Leben lehren; dass wir miteinander respektvoll reden und nicht uns, sondern die Welt in den Mittelpunkt unseres Interesses stellen; dass wir gemeinsam Lösungen suchen, anstatt uns zu bekriegen.

Ich bin Optimist und Du?

 

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