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„Es muss unter die Haut“

„Es muss unter die Haut“

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Der Neurobiologe Gerald Hüther weiß, dass wir unsere Standpunkte ständig überprüfen und ändern müssen – und wie

gerald hüther

der Freitag: Herr Hüther, als Hirnforscher untersuchen Sie auch, unter welchen Bedingungen Menschen über sich hinauswachsen. Was bedeutet Mut für Sie?

Auf jeden Fall nicht, vom Zehnmeterbrett zu springen. Mutiges Verhalten besteht für mich darin, dass ich auf andere zugehe, es wage, mich zu öffnen. Mut ist auch, meine Vorstellungen immer wieder in Frage zu stellen. Das finden wir im Alltag ja eher selten. Wir verbinden Mut ja meist damit, uns in gefährliche Situationen zu bringen.

der Freitag: Sie waren Ende 20, als Sie mit einem gefälschten Visastempel aus der DDR in die Bundesrepublik geflohen sind. Das würde ich mutig nennen. Und gefährlich war es auch.

Die Fälschung des Visastempels und auch die Flucht im Zug von Leipzig nach Belgrad hat mir nicht so viel Mut abgefordert. Da ging es eher darum, wie ich es möglichst clever anstelle. Was mir wirklich Mut abgefordert hat, war, mich aus den Denkmustern zu lösen, die viele Menschen um mich herum trugen und die ich ja auch zum Teil übernommen hatte. Aber vieles, was ich für bedeutsam halte, ließ sich in dem System nicht verwirklichen, und das konnte ich irgendwann nicht mehr akzeptieren.

der Freitag: War Ihre Entscheidung zur Flucht eine egoistische?

Nein, ein Ausdruck von Selbstachtung. Ich habe Verantwortung für mich selbst übernommen, auch wenn ich mich von denen lösen musste, die den Weg der Veränderung nicht gehen wollten. Ich würde sagen, das war mutig. Und die Zeit davor, in der ich fühlte, dass es nicht weitergeht, hat mich mit meiner Familie und Freunden besonders stark verbunden.

der Freitag: Wir sind heute so frei wie nie. Ist es da leichter, mutig zu sein?

Wir wissen zwar eine ganze Menge, und materiell geht es uns sehr gut, aber glücklicher sind wir nicht unbedingt geworden. Weil unsere Vorstellungen, was wir bräuchten, um glücklich zu sein, nicht immer hilfreich sind.

der Freitag: Welche Vorstellungen meinen Sie denn da?

Zum Beispiel, dass Konkurrenz die Grundlage für Weiterentwicklung sei. Das hält das Leitbild des egoistischen Einzelgängers aufrecht. Eine andere Vorstellung ist, dass wir über den Kopf lernen. Deswegen ging es in den Schulen lange um Auswendiglernen und Wissensvermittlung. Aber was einem nicht unter die Haut geht, was man nicht fühlt, lernt man eben auch schlechter. Viele unserer Vorstellungen sind nicht mehr zeitgemäß. Es gab eine Zeit, in der Menschen in Hunger leben mussten. Da war wichtig, möglichst viel an materiellen Gütern anzusammeln.Aber heute leben wir in einer anderen Zeit. Da kann Forschung hilfreich sein. Sie zeigt uns, dass wir nicht mit einer festen Überzeugung auf die Welt kommen.

der Freitag: Haben Sie ein Beispiel?

In einem Experiment wurden Kindern im Alter von sechs Monaten Trickfilme gezeigt. In einem Film krabbelt das gelbe Männchen einen Berg hinauf und bekommt dabei Hilfe von einem grünen. Im zweiten Film bekommt das gelbe Männchen wieder Hilfe vom grünen, nur taucht plötzlich oben am Berg ein blaues Männchen auf und stößt es herunter. Das Experiment endet so, dass die Kinder am Schluss aus zwei Figuren wählen dürfen, einer grünen und einer blauen. Alle haben das grüne Männchen genommen, den Helfer.

Ein halbes Jahr später wurde das Experiment mit den gleichen Kindern wiederholt. Die waren jetzt ein Jahr alt. Zehn Prozent von ihnen griffen jetzt nach der blauen Figur. Aber was hatte sich denn ereignet, dass sie auf einmal für den Unterdrücker sind? Die haben vielleicht gesehen, dass sich irgendwer in der Familie auf Kosten eines anderen durchsetzt und damit Erfolg hat. Was ich damit sagen will: Der Mensch ist nicht von Natur aus auf seinen Vorteil bedacht, wie wir jahrelang angenommen haben. Kinder lernen erst, egoistisch zu sein, wenn wir es ihnen so vorleben.

der Freitag: Eine Ihrer Botschaften heißt ja, wir könnten ganz anders sein. Fangen wir vorn an: Wie kommen wir auf die Welt?

Im besten Fall mit einem funktionsfähigen Körper und Gehirn. Im Gehirn gibt es keine genetische Vorprogrammierung. Wir können alles lernen, weil dort ein Überschuss an Verknüpfungsmöglichkeiten der Nervenzellen bereitgestellt wird. Unser Gehirn oder unsere Gene können ja nicht wissen, ob wir in der Wüste groß werden oder in einem westlichen Industrieland. Kleine Kinder forschen hier wie dort nach Neuem. Deshalb erwerben sie ganz verschiedene Fähigkeiten – und bekommen auch unterschiedliche Gehirne. Nur eines ist gleich: Alle Neugeborenen bringen die Erfahrung mit, dass es möglich ist, gleichzeitig verbunden zu sein und autonom zu wachsen, sich entwickeln zu können. Daher tragen alle diese beiden Grundbedürfnisse in sich: jemand, der uns wärmt und schützt; und weiter zu wachsen und die Welt zu gestalten, autonom und frei zu werden.

der Freitag: Aber Verbundenheit und Freiheit reiben doch ständig aneinander.

Das stimmt nicht, neun Monate funktioniert beides zusammen ja ziemlich gut. Das Problem beginnt dann, wenn wir als Kind in eine Gesellschaft hineingeraten, in der beides nicht gleichzeitig geht. Zum Beispiel, weil Eltern uns nicht so viel ausprobieren lassen, ängstlich sind. Oder weil wir ausgegrenzt, nicht gesehen werden. In der Schule geht es weiter. Wenn wir in einem Fach schlecht sind, heißt es vielleicht, wir sind zu dumm dafür. Solche entmutigenden Erfahrungen macht fast jedes Kind, und im Erwachsenenleben geht das weiter.

der Freitag: Welche Spuren hinterlässt das?

Das tut nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen im wahrsten Wortsinn weh.

der Freitag: Wie meinen Sie das genau?

Unser Gehirn ist so organisiert, dass es immer einen Zustand herzustellen versucht, der Kohärenz heißt. In diesem Zustand, wenn also alles gut zusammenpasst, verbraucht es nur sehr wenig Energie. Erfahrungen von Ausgrenzung oder Bestrafung führen zu Erregungen im Hirn, die immer dann aktiviert werden, wenn ein Mensch körperlichen Schmerz empfindet. Das ist Inkohärenz. Niemand kann solche Schmerzen lange aushalten, der Zustand verbraucht einfach zu viel Energie. Also muss schnell ein Ersatz her, damit wieder Ruhe einkehrt.

der Freitag: Was kommt als Ersatz in Frage?

Wir leben in einer Konsumgesellschaft, und dreimal dürfen Sie raten, warum. Konsum garantiert Befriedigung, wir kaufen uns also ein neues Paar Schuhe. Es kann aber auch etwas anderes sein. Eigentlich ist dem Gehirn egal, auf welche Art es befriedigt wird. All das kaschiert aber nur, dass unsere wahren Bedürfnisse nicht gestillt sind und wir nicht in der Lage sind, für das, was uns wirklich wichtig ist, einzustehen. Wir haben es oft eben nicht gelernt.

der Freitag: Wenn man das alles weiß, fasst man dann Kinder nur noch ganz vorsichtig an?

Meine Kinder sind groß. Aber früher habe ich es genauso falsch gemacht wie alle anderen. Ich habe im Nachhinein vieles begriffen. Drum übrigens ist es schön, wenn Großeltern da sind. Sie wissen, was gut ist und was nicht. Sie unterliegen nicht dem Druck, aus dem Kind etwas machen zu müssen.

der Freitag: Demnach ist es schlecht, Kindern Grenzen aufzuzeigen?

Überhaupt nicht. Aber anstatt ihnen Regeln nur vorzugeben, wäre es besser zu erklären, warum die Regeln da sind. Wenn das Kind morgens nicht aufstehen will, bleiben die Eltern am nächsten Tag halt auch mal liegen. Dann gibt es kein Frühstück. Dann wird sich das Kind wundern und am nächsten Tag lieber aufstehen.

der Freitag: Sie sind ein Kritiker des Bildungssystems und haben Schulen als Dressureinrichtungen bezeichnet. Wann waren Sie das letzte Mal in einer Schule?

Vergangene Woche. Wir bereiten das Projekt Entdeckerwerkstatt vor: ein Parcours mit Stationen, an denen man allerhand Dinge ausprobieren kann. Hauptsache Selbermachen. Die Eltern sollen so herausfinden, wofür die Kinder ein Talent haben. Das misst sich aber nicht daran, ob ein Kind etwas besonders gut kann, sondern ob es etwas mit Leidenschaft macht. Die Eltern sollen dabei auch nicht ihre eigenen Kinder anschauen, sondern immer andere. Am Ende berichten die Eltern, welche Talente sie bei den anderen Kindern beobachtet haben. So bekommen sie einen ganz neuen Blick auf ihr eigenes Kind und lassen mal alle Vorstellungen sein.

der Freitag: Wie oft hinterfragen Sie Ihre eigenen Vorstellungen?

Ach, ständig. Es tut manchmal weh, aber so lerne ich auch dazu. Unsere Vorstellungen sind eben nicht nur ein bisschen mit dem Hirn verbunden, sondern tief in unserer Gefühlswelt verankert. Deswegen fühlen wir auch, wie weh es tut, wenn wir uns von einer liebgewonnenen Vorstellung verabschieden wollen. Es bringt nicht viel, wenn uns jemand gute Ratschläge erteilt und erklärt, wie es besser wäre. Es muss uns unter die Haut gehen, es müsste uns wirklich berühren. Dann könnten wir uns schon ändern.

der Freitag: Was müssen wir dafür tun?

Wir könnten versuchen, Neues auszuprobieren. So hätten wir die Chance, positive Erfahrungen zu unserem Antrieb zu machen und uns für etwas anderes zu begeistern als bisher.

der Freitag: Wann kam Ihnen denn diese Erkenntnis?

Da war ich drei Jahre alt und habe eine junge Katze aus dem Wasser gerettet.

der Freitag: Und daran können Sie sich noch immer erinnern?

Weil es für mich eine ganz tiefe Erfahrung war. Vielleicht sollten wir uns häufiger fragen, wann wir einmal etwas für andere gemacht haben und wie gut sich das im Nachhinein noch heute anfühlt.

der Freitag: Was ist Ihr Mutmacher?

Der heißt: Es geht. Das Hirn kann sich das ganze Leben lang verändern. Sie können auch im hohen Alter noch ein begeisterter Entdecker und Gestalter werden. Sie werden das aber nicht, wenn Sie Ihr Leben nur auszuhalten versuchen und es sich gelegentlich mit dem Kauf neuer Schuhe oder einer Urlaubsreise versüßen.

Das Gespräch führte Nora Marie Zaremba

Dieser Beitrag erschien in der Freitag Ausgabe 52/14.

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