Free the mind

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„Die wirklichen Abenteuer sind die, die in unserem Körper liegen“ berichtet der Soziologe Prof. Kurt Weiß von der Technischen Universität München. Durch Meditation und anderes mentales Training stellt der Mensch eine Beziehung zu seinem Innenleben her; die Frage ist, ob er dadurch Hirnströme und neuronale Verbindungen dauerhaft verändert. Inzwischen scheint bewiesen, dass Meditation tatsächlich außer kurzfristigen auch lang anhaltende Auswirkungen hat, die Veränderungen im Gehirn hervorrufen.

Der Dokumentarfilm „Free The Mind“

Der US-Dokumentarfilm „Free The Mind“ erzählt die Geschichte einer Vision: Ist es möglich, traumatisierten Menschen, psychisch schwer verstörten Kindern ebenso wie Irak- oder Afghanistan-Kriegsveteranen durch Atem- und Meditationstechniken zu helfen? Der Hirnforscher Richard Davidson hat es sich zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, ob und wie es möglich ist, das menschliche Gehirn durch Konzentration und Denkmethoden in seiner Substanz zu verändern.

Am Beispiel dreier eindringlicher Geschichten zeigt Davidson Menschen, die die Gesellschaft und ihre Familien bereits aufgegeben hatten und die unüberwindbar scheinende Ängste in einer Therapie beherrschen lernen. Will ist fünf Jahre alt und in vielen Pflegefamilien aufgewachsen. Vor vielem hat er Angst, besonders vor Aufzügen. In einem blieb er stecken. Stephen war Soldat im Irak, Verhörspezialist, heute hat er Wutausbrüche, Eheprobleme, kommt nur noch mit Schlafmitteln zur Ruhe. Und Richard sieht, wenn er die Augen schließt, immer wieder ein Bild: die Überreste seiner Kameraden, zerfetzt von einer Bombe im Irak. Drei Menschen, ein Schicksal: posttraumatische Belastungsstörung nennen es Ärzte. Die es erleiden, sprechen von Leere, Angst- und Schuldgefühlen.

Sieben Tage bewusstes Atmen

Allein in den USA versuchen jeden Monat fast 1000 Ex-Soldaten, sich das Leben zu nehmen. Die meisten Traumatisierten können ihren Alltag nur noch mit Medikamenten bewältigen. Psychopharmaka sind für die Neurowissenschaftler der Universität Winsconsin nur eine Antwort auf das Trauma. Trotz heftiger Kritik wagen sie ein ungewöhnliches Experiment: Sie lassen Freiwillige sieben Tage lang meditieren. In zwei unterschiedlichen Programmen sollen Stephen, Richard und Kinder wie Will ihren Atem bewusst erfassen, ihm lauschen, trainieren, ihn zur Ruhe zu bringen.

Das Training verändert den Hirnbereich, der die Gefühle steuert.

Der Dokumentarfilm „Free The Mind“ begleitet sie durch die Therapie, zeigt sie beim Versuch, den ständigen Strom von Gedanken zu unterbrechen, die Verwirrung, die lauernde Panik. Ruhe, Gedankenstille – es sind Momente, in denen auch Verdrängtes zurückkehren kann – oft schmerzvoll. Das Experiment Meditation halten nicht alle durch. Doch die, die bleiben, verändern sich – nicht nur psychologisch, auch neurophysiologisch. Der Kernspin zeigt, was Schiller nur ahnte: Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Das Training verändert den Hirnbereich, der die Gefühle steuert.

Unbewußte Denkprozesse unterbrechen

Kann Meditation einen erschütterten Geist so aus dem Abgrund führen? Und wie genau bringt man ihn zum Umlernen? Was der Film dokumentiert, erklärt Rick Hanson von der Harvard Medical School: „Wenn wir uns bestimmter Erinnerungen nicht mehr bewusst sind, wenn wir nicht mehr daran denken, wo wir waren, als die Bombe explodierte, als wir in Panik davonliefen, oder wie wir uns als Kind betrogen fühlten von Menschen, die uns beschützen sollten – auch wenn wir nicht daran denken, ist das in uns gespeichert und unheilvoll aktiv. Aber wir können diesen unbewussten Prozess unterbrechen, ihn neu zusammensetzen und das Trauma so verändern.“

Das Gehirn sträubt sich gegen Veränderung.

In der Trauma-Arbeit verbindet Hanson jüngste Hirnforschung mit Erkenntnissen einer uralten Kulturtechnik. „Gehirn eines Buddhas“ heißt sein Bestseller, übersetzt in 22 Sprachen, inspiriert von Übungen großer Kontemplationsmeister, Menschen, die ihre mentalen Muster manchmal über Jahre umbauen. „Programme wie das Sieben-Tage-Training, das der Film zeigt, sind ein fantastischer Anfang“, so Hanson. „Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Man kann Menschen damit aufrütteln, aber dann kommt es auf regelmäßige Übung an. Wir müssen die Infrastruktur schaffen, die unseren Durchbrüchen Nachhaltigkeit verleiht, sonst sind wir schnell zurück in alten Mustern. Das Gehirn sträubt sich gegen Veränderung. Wenn es sich zu schnell verändern könnte, würden wir ja verrückt werden.“ Mit Instant-Heilung hat das alles wenig zu tun. Traumata lassen sich nicht einfach „wegmeditieren“. Sie nicht bekämpfen, sondern achtsam hinzuschauen, ist für die Betroffenen ein großer Schritt zurück ins Leben.

(Quelle: 3sat.de)

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