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Funktionierst du noch oder lebst du schon?
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Funktionierst du noch oder lebst du schon?

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Neulich veröffentlicht bei Facebook:

Definiere Deutschland: Mit 26 auf dem besten Weg zum 2. Burnout, weil alles, was heutzutage zählt, nur noch ‚arbeiten bis zum Umfallen‘ ist.

Ein wahrer Begeisterungssturm brach nach dieser Meldung los, sichtbar in den Kommentaren zahlloser Menschen aller Altersklassen.
Viele Leute fühlten sich also offensichtlich total abgeholt von diesem Spruch und machten ihrem Frust und ihrer Enttäuschung über ihr Leben Luft. Diese immense Reaktion der Masse hinterließ den Eindruck, dass viele nur darauf gewartet hatten, dass ‚so etwas mal gesagt wird‘. Es schien eine Erlösung zu sein, endlich einmal die eigene Unzufriedenheit loswerden zu können und zu sehen, dass dieses Schicksal geteilt wird. Über ein unfreies Leben mit zu viel Arbeit, zu wenig Geld und offensichtlich sehr wenig Freude und Spaß.
Funktionieren eben, ohne Eigen-Sinn und ohne Motivation.

Als ich mir erlaubte, einen längeren Kommentar zu posten und u.a. auf die Eigenverantwortlichkeit jedes Einzelnen in seinem Leben hinzuweisen, erhielt ich eine Flut von hoch emotionalen Kommentaren, dass es ja schön sei, dass es mir gut ginge, aber ich wohl kein zu verallgemeinernder Typus sei, sondern ein Einzelfall. Viele wütende Erklärungen, warum so wenig bis gar nichts gehe, geringer Glaube an Veränderungsmöglichkeiten.

Als ich die vielen Kommentare las, kam mir mein Studium und diverse Soziologie-Tutorien wieder in den Sinn. Ich dachte, das klingt wie zu Zeiten der beginnenden Industrialisierung um 1900, als bedingt durch die rasante Entwicklung von Technik und Produktivität, Menschen als dringend benötigte Arbeitskräfte in Massen in Fabriken arbeiteten und unter schlechtesten sozialen Bedingungen als Arbeitskraft-Kapital benutzt wurden.

Gefangen im Leben

Ohne jetzt in eine Diskussion einzumünden über Arbeitsbedingungen und Arbeitnehmer-Gesetze der heutigen Zeit und die sehr positiv anmutende demographische Kurve zu Gunsten zukünftiger Arbeitsplatz-Möglichkeiten, treibt mich der eigentliche Gedanke, der dahinter steckt, um:

Ich bin gefangen in einem Leben, aus dem ich nichts oder nicht genug machen kann. Ich bin unfrei und nicht der Gestalter meines eigenen Lebens. Es wird durch andere gelenkt, ich kann es nicht ausreichend beeinflussen.
Dem entgegen steht in unserem Land folgende Situation:
Nie waren wir in unserer Historie freier und hatten mehr Rechte – als Bürger sowie als Arbeitskräfte.

Die Abhängigkeit, die viele spüren, fußt meiner Meinung nach auf zwei Aspekten: Der Notwendigkeit von Geldbeschaffung und einer zu passiven Haltung im eigenen Leben.

Die Notwendigkeit finanzieller Mittel kann man kurz behandeln, da sie unstrittig ist. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaftsform, wir benötigen Geld, um zu essen, zu wohnen und unsere Familien zu unterhalten. Daraus ergibt sich dann auch immer gleich das Totschlags-Argument, dass es denen besonders gut geht, die viel Geld haben und denjenigen schlecht, denen sehr wenig zur Verfügung steht.
Dazu gäbe es viel zu sagen, wie beispielsweise, dass interessanterweise Studien über Glück und Zufriedenheit dies nicht belegen können – oder aber auch nur: Es kommt immer darauf an, worauf ich Wert lege in meinem Leben.

Auf die Haltung kommt es an

Und somit wären wir beim Thema Haltung angekommen.
Wie genau legen Menschen eigentlich ihre Werte und Wünsche für das eigene Leben fest? Was ist das „Warum“ des eigenen Lebens? Wo spüre ich Zielenergie, Antrieb, die Zeit vergeht im Flug, ich bin „im Flow“?
Wie viel Zeit verbringe ich wirklich mit solchen Tätigkeiten, die mich erfüllen? Wo kann ich Stellschrauben zu meinen Gunsten verändern?
Worauf lege ich meinen Fokus, damit ich möglichst viele glückliche Momente erleben kann?
Das wurde uns natürlich nicht in der Schule und selten von unseren Eltern beigebracht, sondern das sind Persönlichkeitsentwicklungsthemen, für die wir nun selber verantwortlich sind.

Von vielen höre ich dann: Ja, aber ich muss nun mal arbeiten, ich kann mir meinen Job nicht aussuchen. Wenn man genauer nachfragt, wurde aber auch nicht wirklich alles versucht, um an den Umständen etwas zu ändern….
Es gibt Möglichkeiten, selbst bei einer Tätigkeit , die vornehmlich der Geldbeschaffung dient, erfülltere Tagesabläufe zu gestalten. Ein gut vorbereitetes Gespräch mit dem Chef über die eigenen Vorstellungen führen. Im Zweifel mehrmals und wenn die Bedürfnisse nicht gehört werden, einen Jobwechsel ins Auge fassen.
Auf 70 % Beschäftigung gehen und 30 % mit einer Tätigkeit ausfüllen, die eine echte Herzensangelegenheit ist. Mit den Arbeitskollegen so umgehen, dass Freundschaften oder Teams entstehen, auf die man sich freut, also den sozialen Aspekt stärken, wenn die Arbeit keine echte Herausforderung ist.

Oder: Will ich so viel arbeiten? Wäre ich zufrieden mit weniger Geld, um mehr Zeit für mich zu haben? Oder um mich in meiner Freizeit mit anderen Themen zu beschäftigen, um zukünftig einen Jobwechsel initiieren zu können. Womit möchte ich mich denn überhaupt gerne mehr befassen?

Insgesamt also das Thema: Habe ich mich wirklich intensiv mit all meinen Möglichkeiten beschäftigt und habe sie alle genutzt? Habe ich mir das erlaubt oder verharre ich im Mindset „Das klappt ja sowieso nicht“?
Oder: Bin ich bereit, auf etwas anderes zu verzichten, um mir mehr Zeit zu verschaffen, die ich sinnvoll für mich einsetzen kann. Verzichte ich auf ein großes Auto, ziehe ich in eine kleinere Wohnung um, mache ich andere Urlaube? Worauf lege ich denn Wert?

Um eine solche Werteskala für sich aufzustellen, ist erst einmal notwendig, ehrlich und tiefgreifend zu erfassen, wofür man wirklich brennt und wo andererseits echte Entspannung entsteht. Sich selber gut zu kennen und diesen Bedürfnissen entgegen zu leben, kann wirklich Umdenken und dann auch Veränderung im Leben initiieren.

Meiner Erfahrung nach haben aber viele sich und ihr eigenes Lebensmodell nicht gründlich hinterfragt und individuell ausgerichtet. Es ist wirklich eine Abarbeiten entstanden – Schule, eine Ausbildung / ein Studium, der erste Job, nur keine Lücke im Lebenslauf, ohne Fleiß keinen Preis, Überstunden sind normal heutzutage, usw… Glaubenssätze aus einer Erziehung, die uns sagte, wir haben heute alle Möglichkeiten, wir müssen sie nutzen. Sehr viel Druck, wenig Nachfragen nach dem Wofür-wir-wie-von-alleine-laufen würden – nämlich nach Tätigkeiten, die von Freude und Motivation befeuert werden. Wenig Erlaubnis geben für ungewöhnliche Gedanken und Wünsche und kaum Innehalten, um mal bei sich selber anzukommen und sich selber zuhören zu können.

Büro oder Gefängniszelle?

Ich sehe Büros, die aussehen wie Gefängniszellen und staune, wie ein Mensch es nur einen Tag lang in einer solch sterilen Atmosphäre aushalten kann. Und frage mich, warum es nicht so dekoriert wird, dass eine persönliche Oase entsteht.
Ich höre von Tagesabläufen: 7.00 Uhr aufstehen, 12.00 Uhr „Mahlzeit“, 16.00 Uhr nach Hause, 17.00 Uhr Fitness-Studio, 20.00 Uhr Fernseher, 22.30 Uhr Bett und das jeden Tag. Und wundere mich nicht, dass nur noch für das Wochenende gelebt wird.
Ich erlebe Kassierer im Supermarkt, die es schaffen, jeden Kunden in einen Streit zu ziehen, weil sie aus jeder menschlichen Begegnung einen persönlichen Frustabbau initiieren.
Ich betrachte Mütter, die die gesamte Freizeit ihrer Kinder organisatorisch fest im Griff haben, jeder Tag ein anderer Kurs, 3 Mal am Tag eine ausgewogene gesunde Zwischenmahlzeit, Hausaufgaben und Lernen unterstützen, die richtigen Bücher für das richtige Alter sind immer griffbereit, pünktlich ins gemachte Bett, aus dem Kind muss etwas werden – und sich selber keine 5 Minuten Zeit für ihre Wünsche erlauben.

Nie waren wir freier als heute, mehr Selbstbestimmtheit wird es nicht mehr geben. Die Frage ist, wie nutzt man dieses Maß an Freiheit sinnvoll für sich. Dafür muss man Grundsatz-Entscheidungen treffen, die auch erst einmal Einbußen an anderer Stelle bedeuten mögen, denn man verschiebt Gleichgewichte. Aber nur da, wo Motivation und Spaß winken, nur da ist Wachstum möglich. Solche Entscheidungen verlangen immer auch eine gewisse Risikobereitschaft, also das Verlassen der berühmten Komfortzone. Nur – um auf das eingangs erwähnte Facebook-Zitat zurückzukommen und die Reaktionen darauf – offensichtlich erleben ja viele ihr Leben gar nicht als Komfortzone, sondern als Gefängnis; da darf durchaus nachgedacht werden, wie und wo ein Richtungswechsel machbar wäre.

Jeder, der nicht seine persönlichen Bedürfnisse im Leben klar definiert und diese in vielfältiger Weise umsetzt, entmündigt sich selber und macht sich unfreier. Und abhängiger von andern.
Seine eigenen Wünsche nach Glück und Freude an der Garderobe des Lebens abzugeben und zu sagen, ich kann nichts beeinflussen, heißt nur noch zu reagieren und nicht mehr zu agieren im eigenen Leben.
Dieses Agieren bedeutet nicht, von einem Tag auf den anderen das große Lebens-Erdbeben einzuläuten und alles von unten nach oben zu kehren – sondern wirkliche Reflexion über die eigenen Wünsche und Werte und deren Umsetzung in vielen kleinen Schritten: Im Denken, im Handeln und im täglichen Wirken. Denn ein gelingendes Leben erreicht keiner wie Phönix aus der Asche, sondern in Entwicklungszeiträumen. Individuelle Ziele, egal wie klein oder groß diese sind, brauchen eine emotionale und inhaltliche Bestimmung und Zeit für die Umsetzung. Wem das zu anstrengend ist, der funktioniert eben nur.

Woran erkenne ich meinen eigenen Weg

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