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„Ich wäre fast gestorben!“
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„Ich wäre fast gestorben!“

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Scott Webb by unsplash com
© Scott Webb by unsplash.com

von Gereon von Ehrenfeld

Ich wäre fast gestorben. Das ist keine Übertreibung, obwohl ich weiß, dass ich besser übertriebe. Damit mir das mal jemand glaubt. Aber ich übertreibe eben nicht.

Ich wäre wirklich fast gestorben.

Es war Sommer und es war so: Ich stand mit zwei unwahrscheinlichen Menschen an einer Straßenkreuzung. Unwahrscheinlich, weil ich mich nicht entscheiden konnte ob und für wen der beiden ich schwärmte. Ruth, mit der sanften Stimme und den dichten Locken oder Leo mit der großen Nase und den zarten Gliedern. Beide zusammen so unwahrscheinlich, dass es auch egal war, was ich mir über sie zusammenreimte.

Das dachte ich noch kurz, und hatte es vorher schon überlegt, als ich mit Leo flirtete und Ruth im Auge behielt: Warum bekam ich von beiden nicht genug?

Als wir dann fast gestorben wären.

Um ehrlich zu sein, und das ist keine Eitelkeit, wäre eigentlich nur ich fast gestorben. Weil Ruth einen Schritt hinter mir stand und Leo schneller reagierte, als ich noch überlegte, was das alles sollte. Was hätte das auch gesollt. Nichts. Gar nichts. Nur eine Riesen-Katastrophe.

Die Ampel war längst grün geworden. Doch wir hatten noch gestanden. Unschlüssig. Bis dann die Reifen quietschten. Ein Geräusch, von dem mir Ruth später – und bis heute – erzählt, sie habe nur denken können: „Das kann der doch nicht machen!“ (Wir lachen immer, wenn Ruth das erzählt. Weil sie das immer erzählt um zu zeigen, wie bürgerlich sie doch eigentlich ist. Obwohl sie doch Bürgerlichkeit verachten möchte. Darüber müssen wir, muss ich, immer wieder lachen. Auch, weil es stimmt.)

Das Auto schoß auf uns zu.

Zurück zu dem Geräusch. Das Auto schoß auf uns zu. Ich guckte es direkt an. Ich guckte es noch immer an, als es schon den Bürgersteig überfahren hatte, als es schon fast umgekippt wäre, als ich den Windzug an meinem Körper spürte. Spürte, wie Leo mich zog, mich zog, wie ich einen Schritt zurück tat. Und wie ich merkte, dass ich noch lebte. So unwahrscheinlich das auch gewesen war.

Als nächstes, ich weiß es nicht, was ist als nächstes passiert? Haben wir uns umarmt? Haben wir über das Kennzeichen gesprochen, über die Unverschämtheit von diesem Fahrer, mit anderen Menschen, die sahen, was wir nur spürten und nicht richtig sahen, wegen dem ganzen Adrenalin (was soll es sonst gewesen sein) in unseren verschwitzten Körpern? Vermutlich. Vor allem wussten wir als nächstes aber, sofort und für immer, was dieser Moment für uns bedeutete.

Wir wären fast gestorben. Und: Uns würde das nie jemand glauben. Wer glaubt schon solche Geschichten. Also: Wer glaubt sie wirklich. Ohne zu denken, wir übertrieben. Aber wir übertreiben eben nicht.

Ich habe diese Geschichte schon oft erzählt, ich weiß mittlerweile, dass wir sofort recht hatten, als wir die Gläser hoben, in Augen blickten (hatte ich meine Hand auf Leos Bein, hatte ich sie da schon da gewollt, weiß nicht mehr), und uns versicherten, mit einer Gewissheit, die nur teilt, wer – keine Ahnung, gerade einen Mord verübt hat und keiner darf davon wissen – so einer Gewissheit: Das, DAS, wird uns nie jemand glauben. Keiner wird wissen, dass es stimmt. Wir wären fast gestorben.

Glaubt mir!

Wir setzten uns in eine Bar. Ich weiß genau, welche. Wie wir nebeneinander saßen und Ruth versuchte ihren Freund anzurufen, trotz der Gewissheit, er würde es ihr nicht glauben, dann in dem Wissen, dass sie recht hatte. Wie ich mich währenddessen fragte, wen ich wohl anrufen sollte und ob der Mensch an den ich dann kurz dachte, es verdient hätte, etwas so Kostbares zu wissen und mich dagegen entschied, weil er kein guter Siegelbewahrer meiner Gefühle war, da war ich plötzlich irritiert, denn ich sah ein Bild vor mir, von hellgelben Kornfeldern und einem Weg und einem Fahrrad oder zwei Menschen zu Fuß, spazierend, dort entlang. Vielleicht war es Dänemark. Ich weiß bis heute nicht, ob ich das nur sah oder ob es Ruth war, die es erzählte. Egal, ich erwähne es nur, weil ich das Bild davon nicht los werde. Was es bedeutet, ich weiß es nicht.

Egal. Sagte ich schon.

Aber wie wir uns durch die Karte tranken, weil wir Geburtstag hatten, alle miteinander, was uns dann auch der Barkeeper irgendwann abhnahm und uns 10 Prozent auf die Rechnung gab (später, viel später), genau da, in dem Moment, in den Stunden, da liebten wir uns so wie wir uns verdient hatten zu lieben und wir sagten es uns, mit allem, was uns einfiel. („Lieben“ muss hier Wort sein, denn es geht ums Fast-Sterben.) Wir sagten uns also Dinge. Leo Ruth, wie er von ihren dichten, fetten Locken sprach, wie schön die seien, wie ja, besonders, und wie sie für ihn immer lila sei, weil er Menschen in Farben sehe und ich sei rot (und seltsam), und wie dann Leos Mund, der aussah wie ein Schnäuzchen, ein feines, distinguiertes Schnäuzchen, so sinnlich wurde, dass ich mich fragte, ob „ätherisch“ nicht das richtigere Wort sei. Und Ruth, auf deren Freund ich neidisch war, obwohl ich mich für völlig überlegen hielt, aber Ruth, deren Freund ich ja nun mal nicht war, Ruth mit der ich aber nun etwas teilte und deren dunkles Haar über dem Tresen hing, Ruth entschied, wir hätten noch keinen Weißwein getrunken. Wir müssten jetzt noch Weißwein trinken. Taten wir und zwischendurch waren wir kurz still, weil auch uns es zuviel wurde. Oder weil uns die Liebeswörter ausgegangen waren. Wer weiß schon genau, was Pausen sollen. Es war ein ganz langer Moment, an diesem Tag, an diesem Abend.

Ein warmer Sommerabend, der nie kalt war, auch als er dunkel und wieder hell wurde nicht. Dieser nie geendet habende Sommerabend, dieser Abend, dessen Geschichte einem keiner glaubt, der aber dann doch irgendwann ein bisschen endete, dann doch zu schnell, mit uns Dreien, auf dem Boden meiner Wohnung, mit dem einzigen, was ich besaß.

Einem Glas Marmelade. Uns Dreien. Und Brötchen. Wir lebten noch.

Fünf Aspekte, die Sterbende am meisten bedauern

Foto: Scott Webb

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