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„Ihr seid die Burnout-Gesellschaft“ – Die Burnout-Lüge

„Ihr seid die Burnout-Gesellschaft“ – Die Burnout-Lüge

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Nicht einzelne Firmen oder Menschen, sondern das System ist schuld am Burnout-Phänomen – so die Ärztin Martina Leibovici-Mühlberger in „Die Burnout-Lüge“

Abdriften in den Sinnverlust

So relevant und dramatisch das Krankheitsbild auch sein mag: Leibovici-Mühlberger zufolge wurde das „Burnout“-Etikett nur erfunden, um den Zusammenbruch des Einzelnen als ein ausschließlich ihn betreffendes Phänomen abstempeln zu können. Wahlweise sehe man dann die mangelnde Belastbarkeit des Patienten oder zu hohe Belastung vonseiten des Arbeitgebers als Ursache an, oft auch beides.

„Das ist praktisch und beruhigt, solange man nicht selbst davon betroffen ist. Es hält alles sozusagen draußen vor der Tür“, so die Autorin. Das eigentliche Problem aber, dass trotz ausgefeiltem Arbeitsschutz und größter Möglichkeit zu persönlicher Selbstrealisierung immer mehr Menschen in den Sinnverlust abdriften, würde dadurch nur verschleiert.

„Gesellschaft am Limit“

Laut Ärztekammer leiden 500.000 Österreicher unter Burnout, weitere 1,1 Millionen sind gefährdet. Fast jede vierte Invaliditätspensionierung erfolgt aufgrund einer psychiatrischen Erkrankung. „Eigentlich beängstigend, wie es unserer Gesellschaft mit ihrem Seelenleben zu gehen scheint. Eine Gesellschaft am Limit, möchte man meinen“, so Leibovici-Mühlberger.

Auch laut dem WHO-Report „Global Burden of Disease“ sind psychische Störungen die größte Krankheitslast in Form verlorener Lebensqualität und Lebensjahren in den reichen Ländern. „Besonders interessant, als Wohlstand im allgemein gültigen gesellschaftlichen Grundverständnis als der Glücklichmacher schlechthin gewertet wird“, sagt Leibovici-Mühlberger. Dass Burnout in Entwicklungsländern (noch?) kein Thema ist, untermauert ihre These.

Praktische Beispiele

Die Autorin untermalt ihre Argumentation mit vielen Fallbeispielen aus ihrer ärztlichen Tätigkeit, die – vom ehemaligen Top-Manager bis hin zur alleinerziehenden Hausfrau – allesamt gewisse Gemeinsamkeiten haben: Eine schiefe Work-Life-Balance, ungesunden Egoismus, Verlust des vormals Sinnstiftendem im Leben.

Der wahre Grund ist aber nicht im Individuum, sondern der Beschaffenheit unserer Gesellschaft zu finden, so die Autorin: Eine Ideologie von Wachstum und Konsum, der Verlust von sozialem Zusammenhalt und gemeinsamen Ritualen sowie ständiges Konkurrenzdenken hätten zu einer narzisstischen Individualisierung geführt.

Jeder müsse sich ständig selbst inszenieren und besser als der Kollege, Nachbar oder Konkurrent auftreten. Viele Betroffene hätten keine Einbettung in einem stabilen sozialen Gefüge, dafür umso mehr Facebook-Friends und Twitter-Follower. Laut Autorin führt der Mangel an sozialem Austausch unausweichlich zu Entfremdung und macht uns krank – der Auftakt des Burnout-Syndroms.

Minimaler Antrieb

Eine Zeitlang geht dies meist gut und die beginnende Krankheit bleibt unbemerkt: Betroffene flüchten sich in aufputschende Mittel, verdrängen das Problem und leben von einem Wochenende zum nächsten. Erst schleichend kommt es zu Symptomen wie Desorientierung, Sinnverlust und Antriebslosigkeit. In weiterer Folge werden einem zuerst die anderen Menschen, dann auch man selbst fremd. Schließlich werden alle lebenswichtigen Körperfunktionen, Antrieb und Motivation auf ein Minimum herunter gefahren.

Doch dann beginnt erst das richtige Problem. „Mit dem Verlust eines äußeren sozialen Korrektivs und emotionalen Stützsystems befindet sich der Burnout-Patient in seiner Isolation in der zermahlenden Mechanik einer Abwärtsspirale“, so die Autorin. In Extremfällen komme es zu körperlicher Arrosion bis hin zum Tod.

Affektive Gedämpftheit

Aber nicht nur bei Burnout-Patienten greift in unserer Gesellschaft „affektive Gedämpftheit“ um sich – ein extrem niedriges Energieniveau und reduzierte Emotionalität. „Die Art, in der manche junge Menschen ihre Beziehungen leben, scheint mir ein Vorbote davon zu sein. Sie treffen sich, haben Sex, machen eine Dose netten Abend auf und mehr geht nicht, weil das anstrengend sein könnte oder irgendwann, wenn es nicht mehr so läuft, wehtun könnte“, schreibt die Autorin.

Sich erst gar nicht auf etwas einlassen, einfach abchecken, ob der andere gerade das im Angebot hat, was der eigenen Bedürfnislage entspricht, dann greift man zu – „unverbindlich, sauber, ohne emotionale Komplikation“, so ihr düsterer Befund des modernen Beziehungslebens.

Mehr Singles

Tief im Inneren wünsche sich jeder freilich den „idealen Partner “ für eine langfristige Beziehung – jedoch ohne zu reflektieren, ob man selbst die an den anderen angelegten Bedingungen überhaupt erfüllt. Weil die Diskrepanz zwischen Selbstwahrnehmung und Erwartungshaltung oft unüberwindbar ist, sind zunehmende Bindungsunfähigkeit und -müdigkeit sowie wachsende Singlezahlen die Folge.

So kletterte die Zahl der deutschen Singlehaushalte der 30- bis 59-Jährigen zwischen 1985 und 2009 von 25 auf 38 Prozent – Tendenz weiter steigend. „Single zu sein und eine ‚Freundesfamilie‘ aufzubauen gilt als das Erfolgsrezept – für die Wirtschaft, denn das schafft zusätzliche Absatzmöglichkeiten. Es stellt sich aber die Frage, ob es für die langfristige Lebensplanung des einzelnen Menschen das beste Modell ist“, schreibt Leibovici-Mühlberger.

Wellness und Urlaub

Auch für die „Wellness-Industrie“ findet sie kritische Worte: „Wir kommerzialisieren Entspannung und Balance und entmündigen dabei die Menschen, um sie suggestibler zu machen. Wir schaffen es sogar, aus dem eigenen Untergang noch Profit zu schlagen.“ Das Konsumieren von überteuerten, aber meist wirkungslosen Wohlfühl-Produkten wäre wirkungslos und würde das bestehende System nur bestärken.

Aber auch im Urlaub spielt Burnout eine immer größere Rolle: Einer Untersuchung der Europäischen Reiseversicherung zufolge geben die Österreicher als häufigstes Reisemotiv der nächsten Jahre „Gegensteuern gegen das Burnout-Syndrom an“ (knapp 80 Prozent), noch deutlich vor dem „sozialen Reiseerlebnis“ mit Familie und Freunden.

„Love, Work, Pray“

Leibovici-Mühlberger schreibt durchaus selbstkritisch, als Ärztin im vorherrschenden Systems mitschuld an der „Burnout-Lüge“ gewesen zu sein – bis sie selbst darauf kam, dass mehr dahinter stecken muss als bloß individuelle Überarbeitung. Seitdem versucht sie ihre Patienten, im persönlichen Gespräch über ihr Leben reflektieren und Lebensfreude zurückgewinnen zu lassen, anstatt gleich mit Psychopharmaka und Kuraufenthalten aufzuwarten.

Allheilmittel gegen das systematische Burnout-Problem hat sie zwar keines, einige Empfehlungen aber doch parat: Dynamisches, Unvorhergesehenes, Herausforderndes in seinem Leben wieder zuzulassen. Neugierig und offen gegenüber seiner Umwelt und seinen Mitmenschen zu sein. Sich selbst zu akzeptieren und zu versuchen, sich unabhängig von seinen Leistungen und Erfolgen zu definieren. Nach dem Grundsatz „Love, Work, Pray“ („Liebe, Arbeite, Bete“, wobei „beten“ nicht unbedingt im religiösen Sinn, sondern als Selbstreflexion zu verstehen ist) zu leben und nur das zu tun, worin man wirklich Sinn erkennt. Ein wichtiges Buch.

(Florian Bayer, derStandard.at, 18.12.2013)

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