Home Kolumne Instagram und Co. – Wie Social Media unser Verhältnis zu Essen kaputt macht
Instagram und Co. – Wie Social Media unser Verhältnis zu Essen kaputt macht
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Instagram und Co. – Wie Social Media unser Verhältnis zu Essen kaputt macht

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© kizilkayaphotos by istock photo

von Simone Debour

Der Kellner bringt die duftenden, dampfenden Schüsseln an den Tisch. Vom Nachbartisch aus kann ich sehen, wie köstlich das Essen aussieht. Japanische Nudeln, frische Kräuter – alles sehr ansprechend angerichtet. Obwohl ich schon gegessen habe, würde ich am Liebsten selber noch einmal zulangen. So gut sieht das Essen aus. Aber die beiden jungen Frauen schauen gar nicht richtig hin. Beide sind zu sehr damit beschäftigt, ihre Smartphones über die Schüsseln zu halten und das perfekte Instagram-Foto zu schießen. Die Hashtags kann ich mir schon vorstellen: Foodporn, nomnom, ilovemyfood.

Sieht so aber Essensliebe aus, frage ich mich? Denn dieses Erlebnis ist nicht einzigartig. Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft ich eine solche Beobachtung gemacht habe. Zumeist junge Leute, die ihr Essen abfotografieren, als wäre es ihr Job. Die dann, so kann man es auf Instagram nachschauen, mit einer Hingabe dieses Essen abfeiern, als wären sie Restaurantkritiker. Die aber, dafür gibt es mittlerweile Beweise, offensichtlich gar keine Ahnung vom Essen haben.

Das zeigen schon die unzähligen “Food-Trends”, die durch die Medienmaschine gedreht werden, damit ein jeder die nächste Nahrungsmittelgruppe kennt, die man nicht mehr zu sich nehmen darf. So gut wie alles war schon dran: Kohlenhydrate, Fett, Zucker, selbst Proteine. Das könnte man als Medienphänomen abtun, wenn nicht klar wäre, dass die Nahrungsmittelindustrie mit unserer Leichtgläubigkeit und Beeinflußbarkeit Millionen macht. Und Social Media-Stars obendrein. Der Hashtag “cleaneating” hat mittlerweile fast 30 Millionen Erwähnungen bei Instagram. Das es sich dabei um ausgemachten Schwachsinn handelt, haben mittlerweile schon etliche Dokumentationen und Ernährungsgesellschaften festgestellt. Aber weil es gut aussieht, vertrauen wir auf die Wirkmacht und machen tapfer mit. Das dabei der gesunde Menschenverstand – aber auch die Erkenntnisse nicht gesponserter Forschung – unter den Tisch fallen, geschenkt.

Alles, was sich ansprechend präsentieren lässt ist gut, alles andere ist irgendwie nicht mehr so gut. Doch mit dieser Einstellung geht langsam aber sicher unser Verständnis von Essen den Bach runter. In Großbritannien hat gerade eine Studie herausgefunden, dass dieses Phänomen massiv dazu beiträgt, dass wir immer mehr Essen wegschmeißen. Gerade die jüngere Generation der 18-34jährigen scheint hier verantwortlich. Laut der Untersuchung haben 55 Prozent dieser Generation wenig bis keine Ahnung, was sie mit den größtenteils exotischen Lebensmitteln anfangen soll, die sie einkaufen. Sie geben mehr Geld für Essen aus, schmeißen aber zugleich mehr davon weg. Sie sind beschäftigt mit der Präsentation in den sozialen Netzwerken, aber planen kaum eine Mahlzeit.

Kurzum: Essen ist gar nicht mehr Essen. Essen wird vielmehr zum Spiegel dessen, wie wir uns selber gerne präsentieren möchten. Ob es schmeckt, uns kräftigt oder ob wir es dann überhaupt zu uns nehmen, spielt keine Rolle. Hauptsache der Hashtag sitzt.

Ich habe überhaupt nichts dagegen, Fotos von seinem Essen zu machen. Von mir aus soll man das auch in sozialen Netzwerken posten. Problematisch ist nur, und ich glaube, diese Schwelle haben wir überschritten, wenn das Bild einer tollen Suppe nicht mehr einfach das Bild einer tollen Suppe ist, sondern etwas ganz anderes. Eine Persönlichkeit in einer Schüssel, beispielsweise.

Je mehr wir im Außen leben, desto mehr verlieren wir unsere eigene Identität. Und das macht bekanntlich unglücklich.

Also: Essen ist Essen. Es kann mehr sein, aber es ist auch oft genug einfach nur Essen. Und genau das ist eigentlich ja auch das Tolle daran.

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