Home Tipps & Tricks Wir sind zu Kontrollfreaks geworden – Zeit, dagegen zu steuern
Wir sind zu Kontrollfreaks geworden – Zeit, dagegen zu steuern
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Wir sind zu Kontrollfreaks geworden – Zeit, dagegen zu steuern

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von Simone Debour

Die Kontrolle liegt in meiner Hand, in meiner rechten Hand. Ich habe die Kontrolle im Griff, nur mit meinem Daumen habe ich sie im Griff. Ich drücke, ich wische, ich tippe. Schaue nach, was bei Instagram gepostet wird. Bei Pinterest. Bei Facebook. What’s App. Stündlich? Ach was, öfter. Denn jede Minute, in der ich nicht die “neuesten Meldungen” sehe, die letzte Nachricht, sind Minuten, in denen ich sie nicht habe: Die Kontrolle.

Kontrolle über meine Selbstdarstellung, über Einladungen. Über Dinge, die ich verpassen könnte. Die runterrutschen in der Timeline und die, wenn ich sie nicht mitbekomme, für immer und ewig in den Schlund des Internets gelangen. In den Schlund, der alles behält, aber das meiste vergessen lässt.

Ich will wissen, wer auf die Party-Einladung eines Freundes reagiert hat. Wer kommt, wer nicht kommt, wer warum nicht kommt. Was eine Freundin gerade für eine Serie schaut. Was im Urlaub von Menschen passiert, die ich eigentlich gar nicht kenne. Ich will das alles wissen. Ich will das eigentlich nicht alles wissen, aber die Kontrolle darüber, was ich eigentlich wirklich wissen will, die habe ich längst verloren.

Es ist paradox. Die Kontrolle, die uns soziale Medien an die Hand geben – darüber Bescheid zu wissen, welche Debatten gerade “trenden”, welche Tweets ein Promi jetzt schon wieder abgesondert hat, welches Fashion-Ding als nächstes zu tragen sein muss und mit welchem Hashtag wir es in die Welt hinaus instagramen werden, diese Kontrolle lähmt uns völlig.

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Denn ist Kontrolle nicht eigentlich dazu da, uns zu handelnden Subjekten zu machen? Zu Menschen, die einen Überblick haben und ihr Leben im Griff? Stattdessen führt diese Kontrolle 2.0 zu dem genauen Gegenteil. Sie verengt unser Leben. Macht es klein. Denn sie zwingt uns dazu, so an ihr festzuhalten, dass wir gar nicht mehr merken, wie uns vieles andere entgleitet. Zum Beispiel die Antwort auf die Frage: Was wollen WIR eigentlich?

Was will ich? Was interessiert mich? Mit wem möchte ich in Kontakt treten? Welche Gespräche möchte ich führen?

Es gibt so viele Beispiele dafür. Nehmen wir einfach wahllos mal zwei heraus.

Eine junge Frau sitzt im Zug. Sie checkt ihr Handy. Sie liest und liest und schreibt. Und irgendwann ist der Empfang weg. Sie wird unruhig, sie wird sehr unruhig. Ihre Unruhe kann sie nur dadurch besänftigen, dass sie schon mal in ihre What’s App-Gruppe schreibt, dass sie die Deutsche Bahn voll schlimm findet. Kein Empfang. Auf Antwort muss sie warten. Das jemand neben ihr sitzt, der gerne ein bisschen plaudern würde. Oder ihr gegenüber jemand, der mit seinem Koffer Schwierigkeiten hat, kriegt sie nicht mit. Sie ist zu beschäftigt. Mit Kontrolle. Und das stresst. Das stresst so sehr, dass sie gar nicht mitbekommt, dass der Wunsch nach Kommunikation, nach ganz banalem In-Kontakt-Treten und mit jemandem reden an Ort und Stelle erfüllt werden könnte.

Ein zweites Beispiel und es ist kein Seltenes. Jemand scrollt durch seine Facebook-Timeline. Er liked einen Artikel nach dem anderen. Warum? Nun, der eine war von einem Magazin, das als besonders wertvoll gilt. Die anderen wurden von Freunden gepostet. Er liest keinen einzigen. Wie so viele Facebook-User. Die Zahl der Likes unter einem Artikel und die dazugehörige Lesedauer stehen in keinem Verhältnis. Er ist so sehr mit der Bestätigung seines Selbstbilds, bzw. der Kontrolle darüber, beschäftigt, dass er die Kontrolle dabei verliert. Denn wie souverän kann ich sein, wenn ich Dinge einfach abnicke, die ich gar nicht gelesen habe? Von denen ich gar nicht weiß, ob ich sie mag?

Kontrollverlust 2.0. Vielleicht auch schon 3.0.

Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen denen Kontrolle sehr wichtig ist, stärker unter Stress leiden.  Kontrollfreaks haben höheren Blutdruck. Überkontrolle macht nicht glücklich. Es gibt viele Dinge, die wir dagegen tun können. Unsicherheit zulassen, loslassen. Und bewusst machen. Aber ich glaube, uns es klingt schrecklich banal, dass ein erster Schritt sein muss, zu kontrollieren (!) wie oft wir die Kontrolle eigentlich an ein Medium abgeben, dass immer schon vor uns weiß, was wir wollen.

Das Smartphone weglegen. Ich glaube, dass wäre ein Stückchen Souveranität.

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