Home Kolumne Hat Böhmi hier sein „Gedicht“ geklaut?
Hat Böhmi hier sein „Gedicht“ geklaut?
0

Hat Böhmi hier sein „Gedicht“ geklaut?

0

Başbakan Erdoğan Kırklareli'nde

Lieber Jan Böhmermann,

die Diskussion um das von Ihnen verfasste, angebliche Schmähgedicht, hat mich ziemlich berührt. Vor allem, weil Sie dabei persönlich so angegangen worden sind.

Ich frage mich, wie es Ihnen und Ihrer Familie geht. Wie es sich anfühlt, wenn man Kollegen von Extra3 zur Seite springen wollte und damit eine medienaufgepuschte, vermeintliche „Staatskrise“ ausgelöst hat. Wenn man bedroht und verklagt wird – von einem der größten Despoten unserer Zeit. Wenn man vermutlich eigentlich nur darauf aufmerksam machen wollte, dass unser Land rechter, aber nicht gerechter wird. Wenn man vielleicht aufzeigen wollte, dass wir unsere hart erarbeiteten Werte nun immer öfter ganz leichtfertig verraten.  Wenn man zeigen wollte, was gelebte und moderne Demokratie bedeutet. Wenn man eventuell auch einfach nur seinen Job als Satiriker gemacht hat.

Wie fühlt sich das jetzt an? Panikattacken? Schlaflose Nächte? Angst?

Bitte nicht, Sie können nur gewinnen.

Sie haben der gesamten Nation eine juristische Denksportaufgabe verpasst. Sie sorgen dafür, dass der Paragraf 103 des Strafgesetzbuches (StGB) abgeschafft wird. Ihr Gedicht lässt die Menschen über die Bedeutung der Vierten Gewalt nachdenken und was es gesellschaftspolitisch bedeutet, wenn wir in unserer Pressefreiheit beschnitten werden. Und wenn es richtig gut läuft, sinniert der ein oder andere noch darüber nach, ob 500 Mio. Euopäer nicht doch 5 Millionen geflüchtete Menschen verkraften würden.

Darüber, wie und warum unsere Kanzlerin heute den Strafantrag gegen Sie stattgegeben hat, möchte ich mir kein Urteil erlauben. Vielleicht hat der türkische Staatspräsident  indirekt mit diplomatischen oder kriegerischen Konsequenzen gedroht. Vielleicht gab es auch geheimdienstliche Hinweise auf erdoganfreundliche inländische Ausschreitungen. Wer weiß das schon!

Was wir aber wissen ist, dass Herr Erdogan in der Türkei Zeitungen und andere Presseorgane zwangsverstaatlicht. Kritische Redaktionen schließt,  Journalist*innen in den Knast verbannt und derzeit  mehr als 1845 türkische Bürger*innen wegen Beleidigung des Präsidenten, darunter auch Kinder, verklagt. Wir wissen, dass er Demonstranten, die seine Meinung nicht teilen, gewaltsam von öffentlichen Plätzen entfernen lässt. Wir wissen, dass er die Gleichstellung von Männern und Frauen ablehnt. Wir ahnen, dass es noch weitere Schandtaten Erdogans aufzudecken gibt.

Was wir auch wissen, eröterte der Psychiater und Theologe Dr. Manfred Lütz in seinem Buch

Wenn man als Psychiater und Psychotherapeut abends Nachrichten sieht, ist man regelmäßig irritiert.

Da geht es um Kriegshetzer, Terroristen, Mörder, Witschaftskriminelle, eiskalte Buchhaltertypen und schamlose Egomanen – und niemand behandelt die. Ja, solche Figuren gelten sogar als völlig normal.

Kommen mir dann die Menschen in den Sinn, mit denen ich mich den Tag über beschäftigt habe, rührende Demenzkranke, dünnhäutige Süchtige, hochsensible Schizophrene, erschütternd Depressive und mitreißende Maniker, dann beschleicht mich mitunter ein schlimmer Verdacht:

Wir behandeln die Falschen! Unser Problem sind nicht die Verrückten, unser Problem sind die Normalen!

Müssen wir uns nicht fragen, was vielleicht in seiner Sozialisierung schief gelaufen ist? Nicht aufgearbeitete Verletzungen in der Kindheit? Veraltete Glaubenssätze? Minderweitigkeitsgefühle, die zu einem übersteigerten Selbstbewusstsein führen? Oder einfach nur zu wenig Liebe?

Vielleicht ein reinkarniertes Sultan Mehmed IV-Trauma in Bezug auf  Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief  – für die Nachwelt festgehalten im Gemälde des russischen Malers  Ilja Repin Die Geschichte scheint sich unter anderen Vorzeichen vier Jahrhunderte später zu wiederholen:

Zu Beginn des Osmanisch-Russischen Krieges (um 1676) verlangte der osmanische Sultan Mehmed IV. von den Saporoger Kosaken, die am unteren Verlauf des Dnepr lebten die Unterwerfung. Daraufhin sollen die Kosaken einen Brief an den Sultan verfasst haben.

Der Text der Botschaft des Sultans soll gelautet haben:

Ich, Sultan und Herr der Hohen Pforte, Sohn Mohammeds, Bruder der Sonne und des Mondes, Enkel und Statthalter Gottes auf Erden,
Beherrscher der Königreiche Mazedonien, Babylon, Jerusalem, des Großen und Kleinen Ägyptens, König der Könige, Herr der Herren, unvergleichbarer Ritter, unbesiegbarer Feldherr, Hoffnung und Trost der Muslime, Schrecken und großer Beschützer der Christen, befehle euch, Saporoger Kosaken, freiwillig und ohne jeglichen Widerstand aufzugeben und mein Reich nicht länger durch eure Überfälle zu stören.

Der Legende nach taten die Kosaken auf diese Aufforderung hin etwas für ihre sonstigen Gepflogenheiten Unübliches: Sie schrieben. Und kurz darauf soll der osmanische Sultan einen Brief in den Händen gehalten haben, der von Beleidigungen nur so strotzte:

Du türkischer Teufel, Bruder und Genosse des verfluchten Teufels und des leibhaftigen Luzifers Sekretär! Was für ein Ritter bist du zum Teufel, wenn du nicht mal mit deinem nackten Arsch einen Igel töten kannst? Was der Teufel scheißt, frisst dein Heer. Du wirst keine Christensöhne unter dir haben. Dein Heer fürchten wir nicht, werden zu Wasser und zu Lande uns mit dir schlagen, gefickt sei deine Mutter!

Du Küchenjunge von Babylon, Radmacher von Mazedonien, Ziegenhirt von Alexandria, Bierbrauer von Jerusalem, Sauhalter des großen und kleinen Ägypten, Schwein von Armenien, tatarischer Geißbock, Verbrecher von Podolien, Henker von Kamenez und Narr der ganzen Welt und Unterwelt, dazu unseres Gottes Dummkopf, Enkel des leibhaftigen Satans und der Haken unseres Schwanzes. Schweinefresse, Stutenarsch, Metzgerhund, ungetaufte Stirn, gefickt sei deine Mutter!

So haben dir die Saporoger geantwortet, Glatzkopf. Du bist nicht einmal geeignet, christliche Schweine zu hüten. Nun müssen wir Schluss machen. Das Datum kennen wir nicht, denn wir haben keinen Kalender. Der Mond ist im Himmel, das Jahr steht im Buch und wir haben den gleichen Tag wie ihr. Deshalb küss unseren Hintern!

Unterschrieben: Der Lager-Ataman Iwan Sirko mitsamt dem ganzen Lager der Saporoger Kosaken.

Ilja_Jefimowitsch_Repin_-_Reply_of_the_Zaporozhian_Cossacks_-_Yorck

Den abgebildeten Kosaken Repins sieht man an, was für einen Spaß sie haben, sich immer neue Beleidigungen auszudenken. Zu Repins Zeiten wurde diesem freiheitsliebenden, kampferprobten Volk sehr viel Sympathie entgegengebracht. Auch Repin war ein großer Bewunderer, er notierte:

„… Alles, was Gogol über sie geschrieben hat, ist wahr! Ein Teufelsvolk! Niemand auf der ganzen Welt hat so tief die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gefühlt.“

Aber genug geschwafelt, Ihre Zeit ist kostbar. Was könnten Sie, lieber Jan Böhmermann, aus der Geschichte lernen?

Ich hoffe, dass Sie sich ebenso wenig unterwerfen werden, wie die Saporoger Kosaken. Sie werden sich in den kommenden Monaten vor weltweiter Aufmerksamkeit und Sympathie kaum retten können. Renommierte Anwälte werden Schlange stehen, um Sie verteidigen zu dürfen. Atmen Sie tief durch, marschieren sie kosakenhaft mit stolzgeschwellter Brust durch das tiefe Tal der Tränen und kommen Sie wie Phönix aus der Asche zurück.

Zwischenzeitlich schicke ich Herrn Erdogan ganz  viel Liebe, in der Hoffnung, dass sein Herz sich öffnet und  universelle Weisheit ihn durchdringt – im Sinne der internationalen Menschlichkeit. Für Majestätsbeleidigung und übergroße Egos ist in einer globalen, digitalen Welt kein Platz mehr.

Halten Sie durch und alles erdenklich Gute,

Ihr Gereon von Ehrenfeld

 

Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on PinterestShare on TumblrShare on Google+Print this pageEmail this to someone

Falls Dir dieser Beitrag gefällt, freuen wir uns über Deine Unterstützung!


Dein Glücks-Newsletter

Unser kostenloser Newsletter informiert Dich regelmäßig über alles rund ums Thema Glück.

Datenschutzrichtlinien