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Molly und die Männer
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Molly und die Männer

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© phildate by istock photo

von Dr. Gunda Windmüller

Molly und ich sitzen auf dem Balkon. Wir trinken kühlen Riesling und lachen über die sich herunterschraubenden Propeller der Linden in ihrer Straße. Sommer, endlich. Wir sehen uns wieder, endlich. Ich freue mich. Ich freue mich über ihr glöckchenhaftes Lachen, dass sich nur mit ihrer immer etwas tiefer werdenden Stimme abwechselt, wenn Molly über die Liebe spricht.

Molly und ich sprechen immer über die Liebe. Wir freuen uns regelrecht darauf. Zunächst reden wir immer über das, über was geredet werden muss. Dann reden wir wieder über die Liebe. Manchmal fangen wir auch direkt mit der Liebe an.

Oder wir reden auch einfach nur über Sex und Dates und lachen über arme Männer, die wir den “Flossenhugo” oder den “Hamsterjungen” taufen.

Und immer, immer, beraten wir uns. Ich wüsste gar nicht, was ich ohne Mollys Rat anfangen sollte. Wem schreiben. Wem was schreiben. Wen wieder treffen oder auch nicht.

Molly erzählt mir von ihren Erlebnissen und Gefühlen, ich ihr von meinen. Gemeinsam tauchen wir ab in dieses Gefühlebad – was keines ist, was man landläufig darunter versteht, es ist eher ein manchmal amüsantes, manchmal trauriges, immer irgendwie liebenswürdiges Wollknäuel.

Und dann begutachten wir gegenseitig, was wohl aus diesen Gefühlen zu machen sei. Wie wir sie verstehen können. Wie man sich entheddert, oder ob sich etwas draus stricken lässt.

Denn Molly und ich, wir sind da eher wissenschaftlich. Wir glauben nicht daran, dass wir so besonders sind. Das unsere privaten Gefühle etwas so einzigartiges sind, dass man sie nur als “ich” verstehen kann.

Wenn Molly über Beziehungen spricht, möchte sie Mechanismen verstehen. Wenn ich über meine Gefühle rede, beobachte ich diese immer gerne als Phänomen. Nicht als etwas, was mir ganz individuell zusteht und sich dadurch erhebt. Es freut mich geradezu, wenn ich etwas als Generationenphänomen wahrnehmen kann. Ein Gefühl, das sich vielleicht besser verstehen lässt, weil es auch anderen so geht. Weil Gefühle Mustern folgen, Erwartungen und Wünschen. Die wir alle haben.

Der Riesling schmeckt sehr gut. Molly vermisst einen Mann. Und wir fragen uns: Sollte sie dem Gefühl nachgehen, sollte sie ihm schreiben? Ihm sagen, dass sie ihn vermisst. Oder anders ausgedrückt: Wenn man jemanden mit Zurückweisung, mit nicht-erwiederten Gefühlen verletzen kann, wie ist es dann mit Gefühlen, die da sind? Kann man jemandem auch mit Gefühlen zu nahe treten? Kann man mit Gefühlen Grenzen überschreiten? Oder sollten Gefühle, Zuneigung gar, nicht betriebsblind für Grenzen sein?

Wenn wir sagen, dass es nicht schaden kann, jemandem seine Gefühle zu offenbaren, kann es nicht doch schaden? Uns selbst?

Molly weiß es einfach nicht. Sie möchte ihm schreiben. Ich glaube, sie möchte, dass ich ihr sage, sie solle es tun. Wird er nicht total genervt von mir sein?

Nein, wird er nicht, höre ich mich sagen, mit Nachdruck. Aber sicher, sicher bin ich mir nicht.

Wir haben vorerst keinen Riesling mehr. Wir gehen los in eine Bar. Auch ich habe ein Problem, eine Frage, die ich unbedingt an Molly loswerden will. Ich will von ihr auch hören, was ich hören will. Das ich ihm schreiben soll. Das er doch bestimmt auch Interesse hat. Ich weiß, dass das wohl nicht stimmt. Aber, ach. Egal jetzt. Wollknäuel, ich sagte es bereits…

 

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