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Warum uns der Neoliberalismus zu schlechten Menschen macht
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Warum uns der Neoliberalismus zu schlechten Menschen macht

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© JodiJacobson by istock photo

“Neoliberal” ist mittlerweile in manchen Kreisen schon zum Schimpfwort geworden. Bezeichnete der Begriff ursprünglich eigentlich Ideen, die sich gegen den ungezügelten Liberalismus wandten, steht er mittlerweile für vieles, was wir zurecht beklagen: Unkontrollierter Markt, Stärkung des Wettbewerbsgedanken in allen Bereichen, Bankencrash, Finanzkrise, Manager-Boni, Umweltverschmutzung, Globalisierungsprobleme… Die Liste ist lang, das Konzept ist komplex.

Jeder, der sich da lieber raushalten will, weil die Welt sowieso und überhaupt schon viel zu komplex ist, hat mein vollstes Verständnis. Aber da hört es auch schon auf. Denn wir können uns gar nicht heraushalten. Ist doch klar: Eine Wirtschaftsordnung, die sich wie ein Schleier über unser ganzes Leben stülpt, nicht nur unsere Konsumentscheidungen beeinflusst, sondern auch all das, was wir für Werte halten, wie wir Beziehungen führen, wie wir in die Welt hinausgucken….die ist eigentlich mit “Schleier” viel zu ungenügend beschrieben. Es ist kein Schleier, es ist eher das, was der Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Max Weber in Bezug auf die Bürokratie einmal “stahlhartes Gehäuse” nannte. Unentrinnbar, menschen-unfreundlich, schwer zu zerstören.

Und so kommt es, dass der Neoliberalismus mittlerweile auch, so sehen es einige Psychologen, unser Innerstes, unsere Persönlichkeit, im Griff hat. Laut dem Psychologen Paul Verhaege von der Universität Gent lässt sich das an einem Beispiel gut illustrieren. Am Beispiel des “Karriere-Menschen.” Wer heutzutage Karriere machen möchte, braucht ganz gewisse Eigenschaften. Dazu gehören: Die Fähigkeit, möglichst viele Menschen von sich zu überzeugen. Egal, ob etwas dahintersteckt. Flexibel sein und impulsiv reagieren, ständig auf neue Informationen und Trends achten und dabei risikobereit bleiben.

Wem Verhaegens Beschreibung zunächst etwas übertrieben vorkommt, der mag recht haben. Denn sie ist entnommen aus der Auflistung von psychopathischen Eigenschaften, die ein anderer Wissenschaftler zusammengestellt hat. Aber bei genauerem Betrachten, ist diese Beschreibung doch vielleicht weniger Karikatur als gedacht. Denn unsere Arbeitswelt hat sich durchaus in diese Richtung verändert.

Werte wie Solidarität oder soziale Bindungen sind auf dem Rückmarsch – und das ist kein Wunder, denn im Neoliberalismus leidet vor allem unser Selbstwert. Wer sind wir denn noch, wenn wir jederzeit ersetzt werden können? Wenn es irgendwann Bot-Journalisten gibt? Oder, wenn die Geschäftsführung mal wieder ankündigt: “Dann suchen sie halt nach Mitarbeitern, die es für weniger machen!” Wir beschreiben im Management-Sprech Konkurrenten zwar brav als “Mitbewerber”, aber wir tun alles – und zwar mit allen Mitteln – um die Spielregeln dieses Marktes nicht einhalten zu müssen. Es ist der unbedingte Wunsch zu gewinnen. Egal, welcher Schaden – gesellschaftlich, umwelttechnisch, politisch – damit angerichtet wird.

Wir sind also viel weniger frei, als wir denken. Steckt im “Neoliberalismus” zwar noch das Wörtchen “liberal” drin – ist damit aber keine echte Freiheit gemeint. Wir sind nämlich nur “frei” etwas aus uns zu machen. Zu gewinnen. Und das ist Norm. Wir müssen etwas aus uns machen. Wer sich dem nicht beugt, der fällt raus. Und was dabei zugleich rausfällt sind eben andere Normen und Werte: Mitmenschlichkeit, Solidarität, Gemeinschaft. Normen und Werte, die eigentlich Teil unserer Identität sind, wie Verhaegen schreibt.

Der akzelerierte Neoliberalismus verändert Werte und so verändert er auch uns selbst. Und, dass ist mittlerweile leider klar, er verändert uns nicht zum Besseren. Deshalb: Sei aufmerksam!

 

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