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Was treibt Menschen dazu, extreme Ansichten zu entwickeln?
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Was treibt Menschen dazu, extreme Ansichten zu entwickeln?

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© asiseeit by istockphoto

von Simone Debour

Neue Forschung zeigt, was wirklich hinter Populismus stecken könnte

Es ist etwas, das derzeit jeder wissen will. Jeder Journalist, jeder Politiker, jeder engagierte Bürger. Viel wird geschrieben, viel wird spekuliert und doch, so scheint es manchmal, kommen wir der Antwort nicht viel näher: Was treibt Menschen dazu, extreme Ansichten zu entwickeln?

Daher ist es besonders spannend, wenn sich Wissenschaftler zu Wort melden und ganz konkrete Antworten geben. In einer Studie der University of Toronto und der University of California/Irvine haben Wissenschaftler Daten von über 1,600 (repräsentativ zusammengestellten) Amerikanern untersucht und dabei festgestellt, dass Menschen, die zu extremen politischen Positionen tendieren, eine Gemeinsamkeit haben: Sie haben in ihrem Leben viel Elend erlebt.

Die Teilnehmer wurden über einen Zeitraum von drei Jahren einmal jährlich interviewt. Dabei wurden ihnen ganz praktische Fragen zu ihrer Einschätzung von politischen Maßnahmen gestellt, wie “Sollten die USA foltern dürfen, um die nationale Sicherheit zu schützen?”, um ihre politische Position festzuhalten.

Zugleich wurden ihnen 37 sehr negative Erlebnisse vorgestellt mit der Frage, ob sie eines davon schon mal erlebt hätten, wie z.B. körperliche Gewalt, den Tod eines geliebten Menschen oder schwere Krankheit. Die Teilnehmer sollten angeben, ob sie eines dieser Erlebnisse schon mal erfahren hatten, wann und wie oft es vorgekommen sei.

Dabei zeigte sich, dass ein Phänomen, das in der Wissenschaft als “compensatory affirmation” (in etwas: “entschädigende Bekräftigung”) beschrieben wird, auch bei den Teilnehmern zu beobachten war. Dieses Phänomen beschreibt die menschliche Tendenz, in ungewissen Zeiten besonders stark an vorgefertigten Glaubenssätzen festzuhalten.

Und es zeigte sich ebenfalls, dass diese Tendenz völlig unabhängig von der politischen Ausrichtung war. Also, ob rechts ob links, Menschen, die viel Not erfahren hatten tendierten dazu, extreme Ansichten zu entwickeln.

Die Wissenschaftler schreiben in der Studie:

Sobald eine Person anfängt extreme Positionen zu entwickeln, wird dieser Prozess selbstverstärkend und dauerhaft.

Allerdings, soviel wird in der Studie auch klargestellt, könnte diese Tendenz auch von einer so stark individualisierten Kultur wie der westlichen unterstützt werden. Und so möglicherweise in anderen Kulturen nicht anzutreffen sein. Außerdem, so viel ist auch klar, ist die Erfahrung von persönlichem Leid nicht der einzige Faktor, der extreme Ansichten erklärt. Genausowenig wie sich dadurch erklären ließe, warum Menschen, die auch viel Leid erfahren haben, eben NICHT extrem werden.

Nichtsdestotrotz  zeigen uns diese Studienergebnisse Wege auf, wie wir zu einem anderen Verständnis von politischen Extremen kommen können. Und das dieses Verständnis vielleicht weniger politisch ist, als wir gemeinhin annehmen.

In diesem Sinne sollten wir, wenn wir starkes Leid ertrugen, versuchen uns trotz allen Schmerzes, bewusst zu machen, dass wir in unseren eigenen Leben die Wahl haben, uns gegen Populismus und für die Emphatie, dem Nachfühlen, zu entscheiden. Denn Emphatie erzeugt dauerhaft Liebe, Populismus langfristiges Leid.

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