Home Kleiner Schnupperkurs Werd‘ erwachsen

Werd‘ erwachsen

0

Video-Lektion 5

Bist Du schnell verletzt? Gekränkt? Wütend? Traurig? Fühlst Dich ungerecht behandelt? Wiederholen sich negative Ereignisse in Deinem Job oder in Beziehungen immer und immer wieder? Dann wird es Zeit, dass Du Dich mit Deinem inneren Kind auseinandersetzt.

Regel Nr. 1:

Wenn jemand gemein zu Dir ist, dann darfst Du weinen und Du musst Dich nicht mehr mit ihm treffen.

Na, das wäre schön, oder? Warum verlassen wir nicht den Raum, die Beziehung, die Arbeitsstelle, wenn wir schlecht behandelt werden? Wozu lassen wir uns mobben, ausnutzen, hinhalten, verletzen, zurückweisen und beschämen?

Gestern im Flugzeug hörte ich einen Mann zu seiner Frau sagen, sie habe die Weisheit auch nicht gerade mit Löffeln gefressen, weil sie nicht wusste, wie sie den Gurt anlegen sollte. Da habe ich angestrengt gelacht, und Ihr würdet jetzt der Freundin am liebsten eine verpassen, oder?

Mir dagegen teilte eine Bekannte neulich mit, nachdem sie mich im Fernsehen gesehen hätte, ich sähe wirklich entsetzlich aus, viel älter und gar nicht wie ich selbst. Nun habe ich angestrengt gelacht, Ihr hättet am liebsten meine Freundin eine verpasst.

Was soll das? Wieso lassen wir uns das bieten? Wieso können wir für andere da sein, sie verteidigen, unsere Wut, unseren Ärger ausdrücken, aber für uns selbst können wir das nicht?

Für Menschen, die Kinder misshandeln, fordern wir ganz leicht härteste Strafen, aber unser eigenes inneres Kind darf nach Herzenslust von anderen missbraucht, beschämt und verletzt werden. Was geschieht in uns, wenn wir eine verbale oder körperliche Ohrfeige bekommen, wieso scheinen wir innerlich in Ohnmacht zu fallen? Nun, das tun wir nicht, jedenfalls nicht nur. Wir geraten in einen Schock, ja, aber gleichzeitig machen wir genau das, was Dir dieses Seminar ans Herz legen will: Wir sorgen für das innere Kind! Nur leider nicht für unser eigenes!

Denn verstehen wir nicht genau, warum der andere so handelt, nehmen wir ihn augenblicklich und automatisch in Schutz, unterdrücken wir sofort unsere eigenen Gefühle und sorgen für ihn, oder?

Er kann nicht anders, sein Vater ist auch immer so mit ihm umgegangen.“ – „Sie meint das nicht so.“ – „Du musst doch auch mal ihre Seite sehen.“ – „Er hat doch nur Angst um seinen Arbeitsplatz und fühlt sich Dir unterlegen.

Wir müssen uns nicht schlecht behandeln zu lassen

Das mag ja alles stimmen, aber ist das ein Grund, sich so zu benehmen? Die Bestsellerautorin Sabrina Fox sagte in einem ihrer Vorträge den ganz einfachen Satz: „Wir brauchen uns nicht schlecht behandeln zu lassen.“ Wie leicht sich das anhört und wie recht sie hat – und wie oft finden wir Entschuldigungen für diejenigen, denen wir es dennoch gestatten, nicht wahr?

Wieso tun wir das? Wieso wechseln wir mit unserer Aufmerksamkeit innerlich unwillkürlich zu demjenigen über, der uns verletzt, zurückweist oder unverschämt wird und viel zu viel fordert?

Nun, vielleicht ist das leichter zu beantworten, als wir glauben und uns zugestehen – vielleicht haben wir es nur gründlich abtrainiert bekommen, für uns zu sorgen? Erinnerst Du Dich an diese Szene auf dem Spielplatz?

Du hast gespielt, warst gerade mit Deinen Förmchen beschäftigt und wolltest nichts als Deine Ruhe haben. Ein kleines Kind, Dein Geschwisterchen oder ein fremdes, kam daher und wollte mitspielen. Du aber wusstest, wahrscheinlich aus Erfahrung, dass es Dir nur alles kaputtmachen und Dein Spiel stören würde. Du wolltest weder Deine Förmchen her- noch das Kommando über Deinen Sandkuchen aufgeben. Du hast das Kind abgewehrt, es begann zu weinen – und ein Erwachsener schritt ein.

Sei nicht so egoistisch, sei doch vernünftig, jetzt lass die Kleine doch mitspielen …

Kennst Du das?

Auch andersherum ist Dir die Geschichte vielleicht in Erinnerung:

Du wolltest unbedingt mit am Tisch sitzen bleiben, fandst es unglaublich spannend, den Erwachsenen zuzuhören. Du wolltest weder stören noch mitreden, einfach nur dabei sein. Doch natürlich wurdest Du weggeschickt. Du solltest spielen gehen und Verständnis dafür haben, dass Kinder nicht alles mitbekommen sollten. Hast Du dann geweint oder warst wütend, hörtest Du vielleicht folgendes:

Dazu bist Du noch zu klein, das wirst Du später verstehen, und jetzt geh raus zu den anderen Kindern.

Da wolltest Du aber nicht hin.

Und die dritte Variante:

Sag der Tante (oder der Oma) schön guten Tag, stell Dich nicht so an, mein Kind, nur ein Küsschen!

Du willst die Tante nicht küssen, Du willst gar niemanden küssen und das zeigst Du auch. Nun ist sie beleidigt und Du kriegst das Geschenk nicht – oder Du wirst sanft zu ihr hingeschoben. „Sei nett und ein liebes Kind“, ist die Botschaft, in Wahrheit aber bedeutet sie: „Unterdrücke Deine Abwehr und mach es ihr recht, damit sie sich nicht verletzt fühlt. Verletze Dich lieber selbst als andere, zeig, dass wir Dich gut erzogen haben und bestätige uns in unserer Eigenschaft als erfolgreiche Eltern.“

Was ist passiert? Dreimal wurdest Du auf verschiedene Weise angehalten, Dein eigenes Gefühl zu unterdrücken und zu verleugnen, um es den anderen Recht zu machen, um deren Bedürfnisse zu erfüllen. Du selbst, das Kind, das Du warst, wurdest nicht gesehen. Du wurdest ermahnt, Dich so zu verhalten, dass es den anderen gut geht. Was Du selbst brauchtest, war weitaus weniger wichtig. Wie angemessen und berechtigt die Forderungen waren, wollen wir hier gar nicht zur Debatte stellen. Sicher ist vieles, was wir Erwachsenen besprechen, ganz bestimmt nicht für Kinderohren geeignet, und sind wir nicht oft genug froh, wenn unsere Kinder funktionieren und andere mitspielen lassen?

Hier aber geht es um Dich, um das Kind, das Du warst und das noch immer in Dir lebt. Was hast Du gelernt? Sei schön lieb, tu was andere von Dir verlangen und verleugne Deine Gefühle. Die Wünsche anderer bzw. gesellschaftliche Konventionen sind wichtiger als Deine Gefühle/Bedürfnisse. Nun, das tun wir, wir schieben noch ein Bonbon über unser verletztes Gefühl, unterdrücken unsere Tränen und verstummen.

Hast Du den Satz

Du musst lernen, mit Enttäuschungen umzugehen

auch so oft gehört? Irgendwann glaubt man es selbst, nicht wahr? Wir beginnen, unsere Gefühle zu rationalisieren, wir beginnen verkrampft, das Gute zu sehen, die Lehre, die Botschaften zu erkennen. Dabei ist es oft genug einfach nur reine Willkür, wenn wir als Kinder enttäuscht werden – kein kosmisches Gesetz, nur Erziehungssache oder Bequemlichkeit.

Wie können wir lernen, mit Enttäuschung umzugehen, wenn diese Enttäuschung gar nicht wirklich stattfinden müsste? Wenn Du eine schlechte Note schreibst, weil Du nicht genug gelernt hast, dann ist das zwar „blöd“ und Du bist enttäuscht. Aber Du weißt schon, wie es dazu kam, und etwas in Dir kann damit umgehen und daraus lernen.

Wenn Du Dich verliebst und der Junge oder das Mädchen nicht interessiert ist, dann tut es sehr weh, Du bist zutiefst enttäuscht, aber Du weißt, Du kannst es nicht ändern, und etwas Gesundes, Kluges in Dir beginnt, den inneren Schaden wieder gut zu machen.

Wenn Du aber das rote Kleid nicht anziehen darfst, wenn Du jemanden mitspielen lassen musst, obwohl Du nicht willst, wenn Du also aus reiner Willkür oder falsch verstandener Erziehungsmaßnahme aus dem Gleichgewicht gebracht wirst, dann ist es weitaus schwieriger, das innerlich wieder in Ordnung zu bringen – weil es gar nicht in die Ordnung hineingehört. Wenn Dir gesagt wird, etwas sei besser für Dich, und Du weißt, dass das nicht stimmt, dann kannst Du damit nicht klarkommen, denn die innere Frage

„Wozu dient das in meinem Leben?“

kann in diesem Fall nur mit „Zu gar nichts“ beantwortet werden.

Bitte lies diesen Abschnitt aus der Sicht des Kindes, nicht der der Mutter oder des Vaters. Ich kenne natürlich auch die andere Seite, aber um die geht es an dieser Stelle nicht. Hier geht es um den Versuch des Kindes, eine Situation zu verstehen, die ungerecht ist und zu nichts weiter dient, als die Angst der Eltern in Schach zu halten, die Angst, das Kind könnte unsozial werden, wenn es andere nicht mitspielen lässt, es könnte das Kleid schmutzig machen oder die Nachbarn irritieren. Und so ist die unwillkürliche und unbewusste innere Frage des Kindes „Wozu dient das?“ doch beantwortet:

Komisches Kontrollverhalten der Eltern dient meistens dazu, ihre eigene Lebensangst zu besänftigen, sich zu beruhigen und für sie selbst das Leben ein bisschen überschaubarer und einfacher zu gestalten. Sich nicht auseinanderzusetzen und die Themen, um die es wirklich geht, schön unter dem Teppich zu lassen.

(Nochmal: Hier geht es ausschließlich um das Kind, um Dich. Wäre das ein Seminar über Eltern, dann würde es anders klingen – wenn auch nicht allzu anders.)

Was also hast Du als Kind gelernt?

Unterdrücke Deine Wünsche und Bedürfnisse, besonders Deine Gefühle, oder rechne damit, dass Du enttäuscht und zurückgewiesen wirst – damit Deine Eltern nicht in Schwierigkeiten kommen. Hör Dir ihre Unverschämtheiten und Gemeinheiten an und vertraue ihnen, denn sie wissen, was sie tun, und meinen es nur gut mit Dir.

Nun, wir Eltern wissen eines genau: Dass wir, bei Gott, nicht immer wissen, was wir tun, und dass wir selbst sehr oft weit über die Grenze unserer Gelassenheit und Liebe hinaus gefordert sind. Das wissen aber unsere Kinder nicht – und wir selbst haben es als Kinder schon gar nicht erfahren. Das, was Eltern sagten, war Gesetz, und wenn es nicht mit Deiner inneren gefühlten Ordnung übereinstimmte, dann hast Du Dich geirrt, nicht Deine Mutter, schon gar nicht Dein Vater, richtig?

Was also hast Du gelernt? Deine Gefühle und Wahrnehmungen sind immer dann falsch, wenn andere dadurch in Schwierigkeiten kommen. Du musst lernen, auch mal andere zu verstehen (obwohl wir meistens nicht mal uns selbst verstehen), und wenn Du etwas nicht verstehst, dann musst Du es einfach glauben und Dich danach richten.

Als ich etwa neun Jahre alt war, war ich zum ersten Mal zu einer Party eingeladen. Kein langweiliger Kindergeburtstag, nein, eine Party im Partykeller. Ich war richtig stolz und ein bisschen aufgeregt, ich war noch so kindlich und sah auch so aus. Es war fast wie eine Prüfung, zumal ein Junge, den ich sehr mochte, dabei war.

Ich zog einen hellblauen Cord-Trägerrock an – es waren die Siebziger –, den ich echt sehr schick fand. Ich drehte mich vor dem Spiegel und fand mich trotz meiner großen Unsicherheit ganz gut. Zumindest dachte ich, ich würde mich nicht völlig lächerlich machen. Nun, das besorgte meine Stiefmutter. Sie kam zur Tür hinein, sah mich vor dem Spiegel stehen, schleuderte mir verächtlich den Satz „Du siehst aus wie im dritten Monat schwanger“ vor die Füße und knallte die Tür hinter sich zu.

Wozu diente das? Abgesehen davon, dass man im dritten Monat noch nicht besonders schwanger aussieht, was sollte das? Was hat sie so geärgert? Warum war sie so unwirsch? Warum musste sie mich in Grund und Boden stampfen? War sie verzweifelt, weil ich nicht so aussah, wie sie sich ihr Traumkind vorgestellt hat? Mochte sie mich einfach nicht? War sie mit der Situation überfordert? Ja, ja und noch mal ja, wahrscheinlich alles zusammen.

Mein Tag und ein großer Teil meines Selbstbildes wurden durch diesen einen Satz für sehr lange Zeit massiv zerstört. Klinge ich verletzt? Nun, ich bin verletzt.

Es hat über dreißig Jahre gedauert, bis ich erkannt habe, wie sehr. Dreißig Jahre, in denen ich versucht habe zu verstehen, was sie meinte, warum sie das sagte, und in denen ich geglaubt habe, dass es stimmt. Dreißig Jahre, in denen ich dachte, sie meinte es gut, wollte mich vor Peinlichkeiten und Beschämung beschützen, indem sie mich auf meinen in ihren Augen unmöglichen Aufzug hinwies. Dreißig Jahre, in denen ich mich dafür schämte, nicht das Kind gewesen zu sein, dass ich sein sollte.

Und warum dachte ich das? Weil die Wahrheit zu bestürzend gewesen wäre. Wir können es nicht aushalten, dass unsere Eltern durchaus sehr fehlbar sein können, dass nicht alles, was sie sagen, stimmt und dass sie nicht nur unser Bestes im Sinn haben – unser Leben hängt davon ab! Wie können wir als Kinder auch nur einen Tag überleben, wenn wir nicht alles verdrängen, was uns an der reinen Absicht unserer Eltern zweifeln lässt? Wie können wir es wagen zu wachsen, dem Leben entgegenzugehen, wenn wir nicht alles tun, um uns zu Hause sicher zu fühlen? Das Nest ist für uns Kinder sicher, weil es sicher sein muss – egal, wie instabil es in Wahrheit ist. Wir können nicht anders, als zu verdrängen und zu leugnen. Dringender als jede Wahrheit brauchen wir als Kind ein geschütztes Zuhause. Denn wenn es stimmte, wenn sie mich einfach nicht besonders mochte, wenn sie einfach nur ein bisschen gemein sein wollte und ihren Frust oder was auch immer an mir abließ – wie konnte mein Vater das zulassen? Was war denn dann noch sicher, auf was hätte ich noch vertrauen können? Wo war er, wieso schützte er mich nicht? Und wieso erlaubte meine leibliche Mutter, dass jemand so gemein zu mir war?

Das war keine besonders dramatische Geschichte, ein winzig kleiner Bruchteil dessen, was Du Dir angehört hast, da bin ich sicher. Würde ich sie zuhause auf den Tisch bringen, wüsste niemand, wovon ich überhaupt rede. Aber was ist passiert, was haben wir als Kinder gelernt, warum erzähle ich Dir das?

„Deine Eltern meinen es gut mit Dir (auch wenn es sich manchmal kein bisschen so anfühlt), niemand ist gemein, Du bist nur ein bisschen zu empfindlich.“ Das war die Botschaft, und auch Du hast sie ganz bestimmt mit jeder Zelle Deines Körpers erfahren. Nun, Kinder SIND empfindlich, alle Kinder, die inneren und die äußeren.

Weil wir auf die inneren Kinder unserer Eltern Rücksicht nehmen mussten, weil unser Leben davon abhing, dass wir uns zurücknahmen und auch den für andere völlig offensichtlichen Verletzungen und Ungerechtigkeiten einen Sinn verliehen, tun wir das auch heute. Wir tun einfach das, was wir gelernt haben – wir versuchen zu verstehen, warum der andere gemein zu uns ist. Sicher ist das wichtig und ein großer Schritt in die richtige Richtung, wir duellieren uns nicht mehr, sondern haben Verständnis. Hab das. Aber in erster Linie hab bitte Verständnis für Dich selbst.

Wie aber kannst Du lernen, Verständnis für Dich selbst zu haben? Dazu brauchst Du ein wichtiges Werkzeug: ein Bewusstsein für Deine wahren Gefühle.

Denn wie willst Du sonst erkennen, dass Dich eine Situation verletzt, dass sie schädlich ist und Dein Selbstwertgefühl, Deine Würde und Dein Selbstvertrauen zerstört? Um in Kontakt mit Deinem inneren Kind zu kommen, musst Du bewusst fühlen können oder zumindest bereit sein, es wieder zu lernen.

Viel zu groß sind die Verdrängungsmechanismen, als dass Du Dich lediglich auf Deinen gesunden Menschenverstand verlassen könntest. Dein Wissen nutzt Dir gar nichts, wenn Du nicht spürst, was in Dir passiert, weil Du dann nicht reagieren kannst und wirst. Wir erkennen unsere Situation vielleicht sogar, aber wenn wir sie nicht fühlen, bleibt sie flach und unpersönlich. Natürlich fühlen wir sie dennoch, wenn auch nicht bewusst. Sie wirkt, unser Körper wird krank. Meistens reagieren wir zeitverzögert, vielleicht erst Tage, Wochen oder gar Jahre später, aber das ist immer noch besser als gar nicht.

Für das innere Kind gibt es keine Zeit, es ist, als habe Deine innere Platte einen Sprung an der Stelle, an der Du geschockt und verletzt wurdest. Wenn Dir Deine Verletzungen nicht bewusst sind, dann schwingt das Energiefeld Deines inneren Kindes also insgesamt sehr langsam, und Du kannst nicht unterscheiden, ob Du einfach ganz allgemein traurig bist oder ob es eine aktuelle Situation gibt, die Dir schadet.

Die gute Nachricht aber ist, dass Du, sobald Du ins Fühlen kommst, freier, klarer und bewusster wirst. Die vage innere Opferhaltung hört auf und Du beginnst, verantwortlich zu werden. Du kannst reagieren, Situationen verlassen oder anders mit ihnen umgehen. Deshalb lautet der erste Teil dieser Regel, dass Du weinen darfst, erst im zweiten Teil gehst Du nicht mehr hin.

Um das bewusste Fühlen zu lernen, brauchst Du gar nicht viel zu tun: Vermeide nur, das Fühlen zu unterdrücken. Atme, nimm Dir einen Moment Zeit und richte Deine Aufmerksamkeit auf Deinen Körper. Wie fühlt er sich an? Wenn Du an eine bestimmte Situation denkst, die Dich verletzt hat oder in der Du Dich nicht wohl gefühlt hast, wie reagiert Dein Atem? Stockt er? Wird er schwerer, ist es, als lege sich ein Gewicht auf Deine Schultern? Was ist Dein erster Impuls, was würdest Du am allerliebsten tun, wenn Du an diese Situation denkst?

iStock_000006759662_Large

Übung

Nimm Dir etwas zu schreiben und vollende folgenden Satz:

Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich …

Was? Weglaufen? Zuschlagen? Weinen? Kündigen? Dich an ihn klammern? Sie aus der Wohnung werfen? Ihr ins Gesicht spucken oder gegen das Schienbein treten? Es ist das Kind, erinnere Dich, Du brauchst nicht erwachsenengemäß zu reagieren, im Gegenteil, das tust Du sowieso andauernd, oder?

Oder?

Wahrscheinlich nicht. Denn wenn wir unserem inneren Kind nicht erlauben, sich zu zeigen und zu fühlen, was es fühlt, dann kann auch unser erwachsenes ICH nicht klar und eindeutig handeln. Dann schimmert die Verletzung des Kindes durch und wir reagieren irgendwie komisch, unklar, ein bisschen wie ein Kind, aber irgendwie doch nicht … Erkennst Du Dich wieder?

Wir versuchen, die Situation wie Erwachsene zu klären, aber weil wir unsere Gefühle nicht erkennen und nicht angemessen mit ihnen umgehen, uns also nicht selbst trösten, in den Arm nehmen und uns erstmal zuhören, wissen wir gar nicht genau, was wir eigentlich wollen und brauchen. Dann klären wir und klären wir, aber am Ende kommt nichts dabei heraus, weil die Situation eben nicht wirklich klar werden kann, wenn der wichtigste Teil nicht gehört wird. Wir suchen letztlich Trost und Bestätigung beim anderen, wenn wir unser inneres Kind nicht eindeutig und bewusst wahrnehmen und uns selbst darum kümmern. Das kann er uns aber nicht geben, denn er war es ja, der uns verletzt hat. Und nun sind wir im „Zuckerbrot-und-Peitsche-Zyklus“ gefangen. Wir lassen uns zurückweisen und verletzen und erhoffen uns dann von genau der gleichen Person Trost und Unterstützung, oder? Und auch das kennen wir aus unserer Kindheit, hat uns nicht unsere Mutter gleichermaßen zurückgewiesen, gerügt und getröstet? Hat uns nicht unser Vater ignoriert, beschuldigt, beschämt und ermahnt, ein paar Tage später aber das Gespräch mit uns gesucht und verbal oder durch eine Geste um Verständnis für sich geworben? Und wurde nicht von uns verlangt, diese unsichere, unbeholfene Geste anzuerkennen, die vage, unklare Entschuldigung zu akzeptieren und klüger als er zu sein, das bisschen, das von ihm kam, zu einer Liebeserklärung hochzustilisieren? Sind wir nicht perfekt trainiert, keinen Ärger zu machen, uns zu kümmern und uns von genau denjenigen, die uns verletzen, trösten zu lassen? Ist Dir klar, wie süchtig und co-abhängig Du dadurch einfach werden musst?

Was also kannst Du tun, wenn Du spürst: Du bist verletzt, die Situation ist ungesund und tut Dir weh, egal, ob Deine Verletztheit angemessen ist oder nicht? Denn auch dann dürfen und sollten wir reagieren. Wie oft befinden wir uns in Situationen, beruflich oder privat, in denen wir gar nicht mehr unterscheiden können, ob sie uns wirklich verletzen oder ob wir überreagieren?

Nun, dann verrate ich Dir ein Geheimnis: Wir reagieren nie über. Wir reagieren nur auf verschiedene Situationen gleichzeitig. Manchmal, meistens sogar, sind schwierige Situationen, die Dir im Erwachsenenalter zustoßen, nichts als erneute Auslöser für die Schocks über die erlebten Zurückweisungen der inneren Kinder – und sie sind es, die Dich dazu bringen wollen, vielleicht überzogen zu handeln. So scheinst Du völlig unangemessen zu reagieren, fühlst Dich auf einmal wie ein Kind, obwohl die Situation einen reifen Erwachsenen verlangt – Du weißt gar nicht, was in Dir geschieht. So angstvoll, beleidigt, verletzt oder trotzig kennst Du Dich gar nicht, glaubst Du vielleicht. Aber natürlich kennst Du Dich so.

Um auf eine Situation wirklich angemessen zu reagieren, brauchst Du zwei verschiedene Strategien, eine äußere und eine innere. Innerlich musst Du Dich um Dein inneres Kind kümmern, denn es schreit sonst so laut, dass Du die äußere Situation gar nicht vernünftig handhaben kannst. Äußerlich dagegen darfst Du erwachsen bleiben, ruhig und gelassen, selbst wenn es Gefühle gibt, die Du vielleicht äußern möchtest. Dann tu das, so, wie es die Gelegenheit erfordert. Du verstehst schon, dass es wenig Sinn ergibt, Deinem Chef gegenüber trotzig auf den Boden zu stampfen oder Dich schmollend in die Ecke zu verziehen. Aber genau das tust Du, wenn Du Dich nicht um Dein inneres Kind kümmerst, auch wenn Du noch so beherrscht bleiben möchtest. Du stehst ihm gegenüber, scheinst sachlich zu argumentieren, aber jeder sieht das Kind, das im Designeranzug in der Ecke sitzt und schmollt, jeder außer Dir.

Musst Du also lernen, Dich noch mehr im Griff zu haben? Nein. Im Gegenteil. Es wird Zeit, Dich des Kindes in Dir anzunehmen.

Denn uns noch mehr zu beherrschen, brauchen wir nicht mehr zu lernen, das tun wir sowieso den ganzen Tag. Wir wollen lernen, uns um uns selbst zu kümmern. Deine äußere Gelassenheit ist dann ein ganz natürlicher Zustand, die Deinen inneren Frieden mit Deinem inneren Kind spiegelt.

Also, was tun wir? Zunächst brauchen wir eine Auszeit. Wenn wir uns die nicht gleich verschaffen können, dann teilen wir dem anderen mit, dass wir im Moment nichts dazu sagen können, aber auf ihn zukommen, und ziehen uns zurück.

Folgende Übung kann Dir vielleicht helfen, nun in Kontakt mit Deinem inneren Kind zu kommen:

Kontakt mit dem inneren Kind aufnehmen

Schließe die Augen und atme ein paar Mal tief durch. Versuche dabei, soweit es Dir möglich ist, Deinen Körper wahrzunehmen. Bist Du innerlich wie auf dem Sprung, hältst Du irgendwo etwas fest, ist Dein Gesicht angespannt? Atme sanft und gleichmäßig in die angespannten Körperstellen hinein. Verändere sie nicht, nimm sie nur wahr. Bleib mit Deiner Aufmerksamkeit bei Dir. Du wirst ganz von allein ruhiger, wenn Du Deine Aufmerksamkeit nach innen richtest, Dich selbst wahrnimmst und Dir zuhörst.

Vor Deinem inneren Auge entsteht nun eine wunderschöne Landschaft, eine Landschaft, die Deiner Seele entspricht. Vielleicht kennst Du sie schon, vielleicht entsteht sie genau jetzt vor Deinem inneren Auge. Schau Dich in aller Ruhe um, entspanne Dich, geh spazieren … Es gibt einen kleinen Weg, einen Pfad, und Du gehst ihn gemächlich und friedlich entlang. Du nimmst die Landschaft mit all Deinen Sinnen wahr, entspannst Dich, lässt Dich verzaubern. Nimm Dir Zeit, anzukommen und die Landschaft zu erforschen. Sie ist beinahe magisch, und Du fühlst Dich augenblicklich wohl und entspannt

Irgendwann kommst Du zu einer Lichtung. Hier ist es ganz still und Du spürst, etwas ganz Besonderes erwartet Dich … Achtsam näherst Du Dich der Lichtung.

Auf einmal entdeckst Du ein kleines Kind, ein Mädchen oder einen Jungen. (Wundere Dich nicht, als Frau kannst Du durchaus auch ein männliches inneres Kind haben oder umgekehrt.) Vielleicht kennst Du das Kind schon, vielleicht nicht. Achte besonders darauf, ob es Dich kennt und ob es auf Dich zukommt. Dieses Kind ist vielleicht sehr verletzt. Vielleicht spielt es auch friedlich mit den Tieren auf dieser Wiese oder im Wald, in dem es sich befindet. Schau es Dir in Ruhe an. Geh bitte mit ihm um, wie Du mit einem Kind umgehen würdest, das Du sehr liebst und beschützen willst. Frag das Kind, was es braucht, wenn es mit Dir spricht. Wenn es nicht mit Dir spricht, dann setz Dich einfach in seine Nähe und gib ihm Zeit, Dich kennenzulernen.

Frag es besonders, was es braucht, um sich gut und geborgen zu fühlen. Erlaube dem Kind nun, Dir ganz genau zu zeigen, an welche Situation es sich erinnert fühlt, was es Dir zeigen will, welcher alte Schmerz in Dir berührt wurde. Rede es ihm bitte nicht aus, rede es nicht schön und erkläre ihm nicht, warum Mama oder Papa so handeln mussten, sondern höre ihm zu, vielleicht geschieht das zum ersten Mal in Deinem und dadurch auch in seinem Leben. Hör ihm zu und lass Dir seine Seite der Geschichte erzählen, egal, wie Du das Ganze als Erwachsene/r siehst. Übe Dich in Mitgefühl und in Geduld, genau hier setzt Heilung ein. Wiegele die Gefühle des Kindes bitte einmal nicht ab, sondern lass sie einfach stehen. Du brauchst nichts damit zu machen, lass sie nur bitte gelten, denn auch sie sind ein Teil Deiner inneren Landschaft – egal, ob Du sie verstehst oder nicht ob Du sie magst oder nicht. Erlaube dem Kind, sich Dir zu zeigen und mitzuteilen, ohne es zu bewerten oder ihm seine Sicht der Dinge auszureden. Hab bitte Respekt vor diesem Kind, denn alles, was es sagt, stimmt einfach. Vielleicht nicht nur, aber auch. Du brauchst nicht einmal eine Lösung zu finden, hör ihm bitte einfach nur zu. Sag ihm bitte nicht, dass es auch mal den anderen verstehen soll, das tut es ja. Nimm es, wenn Du das kannst und willst, in den Arm oder setze Dich innerlich dazu. Wenn es Dir leichter fällt, dann schreib auf, was Dir das Kind zu sagen hat, male vielleicht ein Bild, wenn Du das willst, schreib ein Gedicht oder einen Songtext. Bitte, lass Deinen allzu geschulten kritischen Intellekt aus dem Spiel. Hier hast Du ein Kind vor Dir, das verletzt ist, warum auch immer, und Du kannst es weder mit Argumenten noch mit Vorschlägen beruhigen. Alles, was dieses Kind braucht, ist Dein Schutz und die Möglichkeit, sich zu zeigen und auszudrücken. Es will nur endlich gehört werden.

Erst danach kannst Du Dir die Situation mit den Augen des Erwachsenen ansehen. Jetzt erkennst Du vielleicht, um was es ging, ob der andere wirklich unverschämt war oder ob Du Milde walten lassen solltest. Du erkennst aber auch, wo Du, ganz nach alter Gewohnheit, nicht genau hingehört hast und Dir die Dinge blitzschnell schönredest. Wenn Du dem Kind erlaubst, sich wirklich zu zeigen, dann wächst in Dir die Kraft, in aller Klarheit zu Dir zu stehen, weil Du endlich mitkriegst, wie sehr Du angegriffen, nicht ernst genommen oder ausgenutzt wirst. Jetzt wirst Du handlungsfähig. Meistens haben wir weitaus weniger Verständnis für den anderen, wenn wir bewusst erleben, was sein Verhalten in uns auslöst – und das ist auch gut so. Wir können uns abgrenzen, bleiben nicht in ohnmächtigem Opferbewusstsein gefangen. Gleichzeitig haben wir ein besseres Verständnis für die Situation selbst. Das heißt, wir können erwachsen, klar und angemessen reagieren, weitaus weniger dramatisch, als wir das gewohnt sind, dafür entschiedener und selbstbestimmter, mit weniger Angst.

Für Dein inneres Kind darfst Du ganz energisch eintreten – und das solltest Du auch. Es wird sowieso Zeit, dass das endlich einmal jemand tut, findest Du nicht?

Dein inneres Kind ist der lebendigste, kreativste Teil Deiner ganzen Persönlichkeit.

Kannst Du Dir vorstellen, was geschieht, wenn Du erlaubst, dass dieser Teil immer wieder kritisiert, beschämt und missachtet wird? Du stirbst, ganz einfach. Dein Leben wird langweilig, vorhersehbar, immer der gleiche Trott. Das Feuer erlischt, und Du bist nicht lebendig.

Soll das nun heißen, Du sollst den Job kündigen, weil Dein Chef unmöglich mit Dir redet? Die Beziehung verlassen, weil Du immer wieder angegriffen und nicht ernst genommen wirst?

Nun, ich weiß es nicht. Frag Dein inneres Kind. Meistens genügt es völlig, wenn der innere Erwachsene sich des Kindes annimmt und sich diese Art von Bevormundung, Abwertung oder Beschämung ab sofort verbittet – und konsequent reagiert, falls der andere nicht aufhört. Ja, Du darfst den Raum verlassen, Du solltest das sogar tun, wenn sich jemand unangemessen verhält. Der spirituelle und emotionale Schaden, der in Dir entsteht, ist so immens, dass Du ihn gar nicht erfassen kannst, solange Du noch in der Situation verharrst. Du verlierst unglaublich viel Kraft, wenn Dein inneres Kind immer wieder verletzt wird und Du die Situation nicht ändern kannst, so viel Kraft, dass Du irgendwann wahrscheinlich körperlich krank wirst.

Allein die innere Erlaubnis, nicht mehr hinzugehen, setzt einen Bewusstseinsprozess in Gang. Du wirst mutiger, innerlich freier und gelassener. Das Opferprinzip hört auf. Du hast nun eine feste Beziehung mit Deinem inneren Kind, ordnest die emotionalen Bedürfnisse der anderen endlich den Wünschen Deines inneren Kindes unter. Sollen sie sich doch bitte um sich selbst kümmern. Diese Forderung darfst und solltest Du endlich stellen.

Manchmal ist es sogar notwendig, die emotionalen Bedürfnisse Deiner eigenen Kinder unter die Deines inneren Kindes zu stellen. Auch Du musst nicht alles hergeben, nur weil Du jetzt erwachsen bist. In der Serie „Friends“ gibt es eine Szene, in der der dreißigjährige Joey sein Stofftier an Rachels Baby abgeben soll. Es weint fürchterlich und will unbedingt mit diesem Stofftier spielen. Rachel besteht darauf, dass Joey sein Stofftier ihrem Baby gibt und verurteilt ihn ziemlich zynisch, als er das nur zögernd tut. Nun, wie kommt sie dazu? Wieso muss das innere Kind dieses Mannes sein geliebtes Stofftier abgeben, nur weil das Baby weint? Das Baby ist nun ruhig, dafür weint das innere Kind in ihm. Kann das die Lösung sein?

Wir dürfen die Wünsche und Bedürfnisse unseres inneren Kindes auch unseren äußeren Kindern gegenüber ernst nehmen – denn das wichtigste Kind ist nun mal Dein eigenes inneres. Wenn es nicht glücklich und zufrieden ist, wenn es nicht weiß, dass es genährt wird und bekommt, was es braucht, dann kannst Du als Mutter oder Vater nicht wirklich entspannt für Deine Kinder da sein. Es wird sonst schlicht eifersüchtig – und warum auch nicht? Keine Sorge, das innere Kind ist zumeist sehr viel genügsamer als unsere äußeren.

Es braucht nicht viel, und wenn Du Dich darum kümmerst, ist es sehr kooperativ.

Jetzt hast Du einen kleinen Einblick in die Wirkung Deines inneren Kindes in Deinem Erwachsenenleben erhalten. Natürlich lässt sich das innere Kind in uns nicht mit einem Artikel und einem Video heilen. Falls Du Dich durch diese Lektion angesprochen fühlst, eine Resonanz zum Thema in Dir wahrnimmst, dann ist der Kurs „Das innere Kind“ genau richtig für Dich.

Ziel des Kurses
$ 120per month
… ist es, alte Verletzungen zu heilen
Du bekommst...
$ 120per month
13 Lektionen, Übungen, Meditationen, Erklärungen
Was kostet es ?
$ 120per month
Dieser Kurs kostet € 49,00
Jetzt buchen

Wenn Du Dich lieber um die Probleme anderer kümmerst, als Deine eigenen Gefühle wahrzunehmen, wenn Du mehr Entschuldigungen für andere hast, als selbst Deine besten Freunde akzeptabel finden – und wenn Du das Gefühl hast, Du kümmerst Dich um die ganze Welt, wenn Du aber mal jemanden brauchst, ist keiner da – dann solltest Du Dich erst Recht mit Deinem inneren Kind befassen und Dir im Anschluss über das Thema „Co-Abhängigkeit – Die Sucht, gebraucht zu werden“ Gedanken machen.

Die 6. Schnupperlektion richtet sich an diejenigen Menschen, die gern für andere da sind, sich aber nicht abgrenzen können. Dies betrifft sowohl Ärzte, Therapeuten und Heiler als auch alle anderen, die sich viel für ihre Mitmenschen einsetzen, sich aber nicht oder nicht genug um sich selbst kümmern und ihre Grenzen nicht (an-)erkennen. Neben dem inneren Kind und der Selbstliebe eines der schwierigsten und wichtigsten Themen.

Viel Erkenntnisse dabei!

 

Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on PinterestShare on TumblrShare on Google+Print this pageEmail this to someone

Falls Dir dieser Beitrag gefällt, freuen wir uns über Deine Unterstützung!


Dein Glücks-Newsletter

Unser kostenloser Newsletter informiert Dich regelmäßig über alles rund ums Thema Glück.

Datenschutzrichtlinien