Home Kolumne Wir sollen unsere Herzen öffnen – aber wie weit ist zu weit?
Wir sollen unsere Herzen öffnen – aber wie weit ist zu weit?
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Wir sollen unsere Herzen öffnen – aber wie weit ist zu weit?

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© paultarasenko by istocphoto
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von Gereon von Ehrenfeld

Ein Satz, den ich heute gelesen habe, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Weil er wunderschön ist. In dem Sinne schön, dass er eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein. Deswegen kann ich mich auch noch nicht so wirklich damit anfreunden. Er stammt von dem japanischen Schriftsteller Haruki Murakami und er geht so:

Was passiert, wenn Menschen ihre Herzen öffnen? Sie werden besser.

Was steckt dahinter?

Sein Herz öffnen. Zugewandt sein, freundlich. Gefühle zulassen, Menschen hineinlassen. Das Herz. Ein Muskel, der anschwillt, wenn man ihn nutzt. Ein offenes Herz wird ein volles Herz, wird ein glückliches Herz. Das verstehe ich.

Ein glücklicher Mensch ist ein guter Mensch. Ist auch ein besserer Mensch. Denn er ist auch offener, für andere.

Herzen zu öffnen, meterweit, schrannentorweit, tut gut. Es ist wie lüften, eine Frühlingsbrise. Es ist wie ein lauter, schmatzender Esstisch, mit Freunden bepackt. Es ist wie Achterbahn fahren, aufregend.

Man soll sein Herz öffnen. Ja. Immer wieder. Und immer wieder ja.

Kann denn daran etwas Schlechtes sein?

Ich glaube schon. Denn als ich darüber nachdachte, fiel mir die Geschichte einer Freundin ein. Lasst mich also erzählen, von Ruth. Ruth mit der Wehmut in den Augen, Ruth mit den Selbstzweifeln. Ruth, die immer wieder an sich leidet.

Ruth war rasend verliebt, dass ist nun schon zehn Jahre her. So rasend verliebt, dass sie durch die halbe Republik reiste, nur um vor einer verschlossenen Tür zu stehen. Hinter der jemand wohnte, der ihr nicht öffnete. Nicht Tür, nicht Herz. Das war Leo.

Ruth ließ nicht locker. Denn Ruths Herz war voll. Voller Zweifel, aber auch voller Schwärmerei, voller Sehnsucht. Und sie ließ alles heraus. Ihr ganzes Unglück, ihre ganze Unsicherheit, ihre Begierde, ihr Hin- und Hergerissen-Sein.

Sie rief Leo an. Immer wieder. Sie musste ihm sagen, wie sie fühlte. Sie wollte wissen, wie er fühlte. Sie konnte mit niemandem reden. Er musste zuhören.

Doch Leo fühlte anders. Leo wollte nicht unter Druck gesetzt werden. Leo wollte Ruths Herz nicht. Wollte nicht all das Chaos darin. Wollte nicht all das Unbedingte, das Übertriebene, die Ungeduld. Konnte sich nicht vorstellen, wie man mit Ruth überhaupt eine Beziehung führen solle. Eine Beziehung, die nur eine Temperatur kennt. Den Siedepunkt. Und Ruth? Ruth verstand die Welt nicht mehr.

Ihr Herz war viel zu offen – oder war es gar nicht ihr Herz?

Ich wünschte, ich hätte Ruth beiseite nehmen können. Ich wünschte, ich könnte mir vorstellen, dass Ruth nicht tödlich beleidigt wäre, wenn ich ihr sagen würde, wie kindisch sie war. Ich wünschte, Ruth könnte verstehen, dass sie nicht ihr Herz öffnet, wenn sie einfach alle ihre Gefühle rauslässt. Sondern das sie nur kurz den Deckel hebt, auf einem überbrodelnden Topf von Emotionen.

Denn Herzen öffnet man nicht, um sich Luft zu verschaffen. Herzen öffnet man nicht, indem man andere überfordert. Wer sein Herz wirklich öffnen will, muss den anderen mitdenken. Rücksicht haben. Die eigenen Gefühle sind nicht der Maßstab der Welt. Sie sind gut, sie sind wichtig, aber sie können anderen auch weh tun.

Wenn man das weiß, vielleicht stimmt das ja dann doch, mit dem besseren Menschen.

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