Zärtlichkeit – das Sein feiern

Zärtlichkeit – das Sein feiern

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Zärtlichkeit ist eine Existenzform, es bedeutet: die Welt mit liebenden Auge sehen. Der Zärtlichkeit stehen gegenüber Grobheit, Brutalität und Oberflächlichkeit. Zärtlichkeit hat mit dem Kleinen, Unscheinbaren, dem Vorsichtigen zu tun.

Zärtlichkeit ist eine Form der Wahrnehmung. Viele haben für Zärtlichkeit keinen S i n n, weil sie ihre Wahrnehmung nicht geschult haben. Sie haben nicht sehen und spüren gelernt. Sie können hauptsächlich nur durch Großes, Wichtiges betroffen werden. Das Kleine, Unwichtige, Zarte entgeht ihnen einfach, oder es rührt sie nicht in der Tiefe an. Wahrnehmen ist für mich der Beginn des „in-Beziehung-tretens“ und von daher ein Akt der Liebe … weil Liebe Beziehungs-Aufnehmen ist. Darum ist Zärtlichkeit der konkrete Ausdruck der Liebe oder der Zuwendung. Zärtlichkeit ist konkretisierte Liebe. Nur der Liebende kann wirklich zärtlich sein – und er wird es sein.

Weil Zärtlichkeit ein Ausdruck der Liebe ist, fällt sie unter die Aussagen, die die Liebe betreffen. So kann und will Zärtlichkeit nicht fordern oder manipulieren. Zärtlichkeit erwartet nicht etwas zurück. Sie ist eine Gabe, ein Geschenk an den anderen. Sie ist machtlos, und ihre Stärke liegt in der Haltung der Zuwendung selbst. Sie wirbt und setzt nicht unter Druck

Die Zärtlichkeit des Körpers

Auf verschiedenen Ebenen haben wir das tiefe Bedürfnis, Zärtlichkeit zu geben und zu empfangen. In einer Zeit, in der auch die Zärtlichkeit einer Inflation unterworfen ist, in der das Kleine nicht mehr zählt und größer werden muss, um bedeutsam zu sein, ist es schwierig mit der Zärtlichkeit. Für viele ist sie eine verlorene Sprache. Das Gröbere hat sie ersetzt. Es ist schwer geworden, mit Zärtlichkeit eine tiefe Aussage zu vermitteln. Das Laute übertönt sie. Und doch besteht das Bedürfnis nach Zärtlichkeit weiter. Unsere Zeit hungert nach dieser „Fremdsprache“, und die unter uns, die sie noch sprechen, müssen sich ihrer bedienen als stilles, werbendes Angebot des Schutzes vor Verrohung.

Die Zärtlichkeit des Körpers ist wahrscheinlich die direkteste, die wir erleben, und für viele gerade deswegen sehr wohltuend. Diese Sprache der Zärtlichkeit braucht selten eine Übersetzung. Sie läuft nicht durch den Verstand wie andere Sprachen. Die streichelnde Hand verkörpert die Zuwendung des Liebenden.

Dieser Vorgang wird erst bedeutsam, weil der Gestreichelte ihm Bedeutung gibt. Ein Arzt kann seinen Patienten sogar in Intimbereichen berühren – aber es wird nicht als Zärtlichkeit verstanden. Der Geliebte gibt der Hand des Liebenden die tiefe Bedeutung. Er weiß um die Bedeutung, weiß, was ausgedrückt werden soll.

Aber die körperliche Zärtlichkeit lässt in vielen den Wunsch nach Zärtlichkeit in anderen Bereichen wach werden. Und vielleicht ist die körperliche Zärtlichkeit schon ein Ausdruck eines anderen Zärtlichkeitsbedürfnisses.

Die Zärtlichkeit der Seele

Für viele ist Zärtlichkeit nur ein körperlicher Ausdruck. Sie wissen nicht, dass sie auch mit ihrer Seele Zärtlichkeit ausdrücken können. Die seelische Zärtlichkeit passiert im Bereich des Gefühls. So ist es zum Beispiel möglich, uns gegenseitig ein tiefes Gefühl der Geborgenheit und des Angekommenseins zu vermitteln und damit zärtlich zu sein. Ich kann einem Menschen das Empfinden geben: Hier bist Du zu Hause, hier bist Du so, wie Du bist, richtig angenommen.

Es gibt natürlich viele Bereiche, in denen das Körperliche und das Seelische ineinander übergehen. Durch eine körperliche Zuwendung erleben wir Schwingungen in unserer Seele. Das gibt dem Körperlichen eine zusätzliche Tiefe. Es bleibt nicht nur ein Hautkontakt, sondern es wird zum Seelenkontakt.

Leider kennen viele im Bereich des Seelischen nur eine sehr begrenzte Anzahl von Gefühlen. Das bewusste seelische Erleben ist bei vielen stark reduziert. Sie kennen Gefühle der Langeweile, des Ärgers, der Frustration und der Liebe, und oft dann auch nur in ihren sehr einfachen Formen. Liebe existiert oft nur als Verliebtsein und Ärger nur als Ungehaltensein. (Die Gefühle werden in der Persönlichkeitsreifung des Einzelnen nicht wirksam eingesetzt.) Das Gefühlsvokabular im Empfinden und auch im Ausdruck des Empfindens ist bei vielen sehr begrenzt.

Zärtlichkeit kann auch hier entwickelt werden und drückt sich dann in einer differenzierteren Empfindungsfähigkeit aus. Wir werden „neue“ Gefühle entdecken und feststellen, dass wir mehr fühlen können (und es auch tun), als wir dachten. Besondere Instrumente der seelischen Zärtlichkeit sind die Augen und die Stimme. Wenn wir wirklich in unseren Augen und in unserer Stimme sind, können wir einander in Tiefe begegnen. Die Stimme in ihrer Modulationsfähigkeit kann einladen und abstoßen, lieben oder zerstören. Wir sagen dass „Blicke töten können“, und erleben es auch. Blicke können aber auch ins Leben rufen – wie kaum etwas anderes in der menschlichen Kommunikation. Die Augen sind nicht nur etwas physiologisches, sondern Ausdruck der Seele.

Seelische Zärtlichkeit wird auch Erotik genannt. Es ist bezeichnend, dass wir in unserer Zeit das Wort umfunktioniert und daraus etwas Sexuelles gemacht haben. Damit ist uns etwas sehr Wichtiges verloren gegangen. Liebe ist für viele Sex, nur Sex. Der Verlust des seelischen Rahmens, der zusätzlichen Dimension, die den Menschen ganzheitlich anspricht, ist eine große Verarmung. Um totaler zueinander zu finden, müssen wir wieder den Bereich der seelischen Zärtlichkeit entdecken.

Die Zärtlichkeit des Geistes

Auch im Bereich des Geistigen (nicht: Geistlichen) gibt es eine Zärtlichkeit. Im Austausch zweier Menschen gibt es viele Chancen, Zärtlichkeit zu üben. In Vorsicht und Zartheit können wir an die Gedanken eines anderen herangehen und in tiefem Respekt mit ihnen umgehen und versuchen, sie zu verstehen. Es gibt eine Zärtlichkeit des Denkens. Es gibt etwas wie das Wahren der Freiheit des Geistes des anderen. Unter uns Menschen ist dieser Respekt und diese Zärtlichkeit im Umgang mit dem Geist des anderen unterbetont. Wir sagen einander zu schnell, was und wie wir zu denken haben. Wir überrollen einander mit unseren Meinungen und nähern uns einander nicht vorsichtig, nicht zärtlich genug. Wie meinen zu schnell, wir hätten einander verstanden, wenn wir unsere Meinung nur bestätigt sehen. Wir denken nicht genug über die Gedanken des anderen nach. Wir erkennen einander nicht. Darum gibt es gerade im Bereich des Denkens viel Brutalität, Grobheit und Aburteilung.

Wenn wir davon ausgehen, dass das Denken ein sehr tiefer Ausdruck eines Menschen und seiner Stellung zu sich selbst, zu Gott und der Welt ist, dann gibt es eigentlich nur ein vorsichtiges, zärtliches Umgehen damit. Wir nehmen ja nicht nur zu den Gedanken des anderen, nicht nur zu seiner Meinung, sondern auch immer zu seinem Sein, zu seinem ganzen Leben Stellung.

Je reifer ein Mensch ist, desto integrierter wird er die Zärtlichkeit seines Körpers, der Seele und des Geistes erleben. Es ist wohl möglich, nur einen Bereich zu entwickeln, aber Zärtlichkeit wird dann nicht zu einer umfassenden, alles durchdringenden Existenzform. Zärtlichkeit wird dann nur punktuell erlebt. Bei einem reifen Menschen wird es schwer sein, die“ Zärtlichkeiten“ voneinander zu trennen.

Zärtlichkeit und Leid

Zärtlichkeit ist Erkennen der Verletzbarkeit. Zärtlichkeit ist auch das Gegenteil von Macht, von „regieren wollen“. Der Zärtliche gibt sich in die Hände des anderen. Und wer sich verletzbar macht, wird verletzt. Der, der sich mit Stärke umgibt, mit einem Wall schützt, kann nicht verletzt werden, stirbt aber in sich, weil er den Kontakt zur Umwelt verliert. Zärtlichkeit ist, diesen Kontakt immer wieder zu bejahen, ganz gleich, wie schmerzlich er auch manchmal sein kann.

Weil das vorsichtig Geäußerte von einem, der nicht zärtlich lebt, nicht verstanden wird, wird es abgewehrt oder entwertet. Daran entstehen Leid und Schmerz. Für viele ist dies Grund genug, nicht so zärtlich zu leben. Aber Zärtlichkeit gibt es nicht ohne Schmerz.

Zärtlichkeit und Geheimnis

Wenn Zärtlichkeit etwas mit Vorsichtigkeit zu tun hat, dann könnte man sagen, Zärtlichkeit ist ein Berühren als berührte man nicht. Es ist ein Antasten, als taste man nicht an. Es ist wie ein Hauch, weil der Zärtliche immer um das Geheimnis der Dinge und Menschen weiß, die er zärtlich berührt.

Zärtlichkeit lockt hervor und setzt nicht unter Druck. Sie lockt hervor, was sich locken lässt und was hervorkommen will – nicht mehr. Sie gibt sich zufrieden, das Geheimnis stehen zu lassen. Zärtlichkeit hat darum mit Unsagbarem zu tun. Manchmal kann Ungesagtes Tieferes aussagen als Worte. Darum ist Sprachlosigkeit manchmal die einzig passende Form der Zärtlichkeit.

Das sprachlose „Sich-Ansehen“, das wortlose Betasten kann Zärtlichkeit sein. Das Wort ist ja nur Hinführung zu einer Aussage und nicht die Aussage selbst. Das, was hinter dem Wort steht, soll vermittelt werden. Die sprachlose Zärtlichkeit überspringt das Wort und seine Begrenzung und spricht direkt. Das Schweigen, die Stille ist sehr beredt.

Verzärtelung

Es gibt auch eine Imitation, eine kitschige Form der Zärtlichkeit. Das ist Sentimentalität oder eine Kopie eines echten Gefühls. Sie schafft letztlich kein Leben auf lange Zeit, sondern gibt nur die Illusion des Lebens. Sie lockt nicht hervor. Sie ruft keine tiefe Veränderung des Menschen hervor. Insgesamt scheut die Verzärtelung die Tiefe des Gefühls. Sie „anempfindet“. Sie hängt sich an die Empfindungen anderer an und macht sie nach.

Es geht also nicht so sehr darum, dass gewisse Handlungen zärtlich sind, sondern es kommt viel mehr darauf an, in welchen Haltungen etwas getan wird und wie viel von diesem Menschen in der Handlung ist. Wer sein Sein in seine Handlungen wirklich einfließen lässt, beginnt bereits, zärtlich zu sein.

Zärtlichkeit im Alltäglichen

Der, der Zärtlichkeit lebt, erlebt die Welt als viel dichter und reicher, weil schon Geringes und Kleines etwas Tiefes in ihm auslöst. Die Sinne werden engagierter. Es geschieht eine Aufwertung des Alltäglichen. Nicht nur das Außergewöhnliche hat Bedeutung, sondern gerade das Gewöhnliche wird zum Zeichen, das über sich selbst hinweist auf Zusammenhänge und Zustände, die Zugänge zum Leben erschließen. Das Kleine wird lebensfördernd, weil es uns ermöglicht, im Hier und Jetzt zu leben, und unser Leben nicht aufs Warten verschiebt.

Im Zärtlich-Sein entdecken wir einen größeren Reichtum in uns, und mit diesem Reichtum können wir den Reichtum um uns auch besser entdecken. Die Welt und das Leben wird dann mehr und mehr zur Feier. Wir lernen, DAS SEIN zu feiern. Die pure Existenz von Menschen und Dingen ist Anlass genug, sie zu feiern. Das ganze Leben wird zu einer Feier: das Leben selbst wird gefeiert. Und uns wirdzunehmend mehr der Vorstoß zu dem gelingen, der sich selbst „Das Leben“ nannte.

(Autor: Matthias Korsinek )

Du möchtest auch aufmerksamer und damit zärtlicher im täglichen Umgang mit der Welt werden? Dann ist mit Sicherheit unser fröhlicher, kleiner Glückskurs etwas für Dich! Fang am besten sofort an und habe viel Spaß auf Deinem Weg in ein zufriedeneres und zärtlicheres Leben!

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